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Das Haus der Hebamme. Roman

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Eigentlich ist Anne glücklich – sie ist eine erfolgreiche Architektin und lebt mit ihrem Partner zusammen. Doch eines Tages verliebt sie sich in ein altes Bauernhaus, das für sie schnell zum Inbegriff all ihrer Träume wird. Das Haus und seine Geschichte ziehen sie magisch an. Vor vielen Jahren lebte hier Maria, die bei einer hartherzigen Stiefmutter aufwuchs. Erst eine Lehre als Hebamme ließ sie ihre Bestimmung finden. Als Anne auf ein altes Buch von Maria stößt, verweben sich ihre Träume und Sehnsüchte immer stärker mit denen der Hebamme. Bis sie erkennt, dass auch sie ihren eigenen Weg gehen muss.
Year:
2014
Publisher:
dotbooks
Language:
german
ISBN 13:
4038858101385
File:
EPUB, 501 KB
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Language:
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File:
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File:
PDF, 298.17 MB
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Über dieses Buch:

Eigentlich ist Anne glücklich – sie ist eine erfolgreiche Architektin und lebt mit ihrem Partner zusammen. Doch eines Tages verliebt sie sich in ein altes Bauernhaus, das für sie schnell zum Inbegriff all ihrer Träume wird. Das Haus und seine Geschichte ziehen sie magisch an. Vor vielen Jahren lebte hier Maria, die bei einer hartherzigen Stiefmutter aufwuchs. Erst eine Lehre als Hebamme ließ sie ihre Bestimmung finden. Als Anne auf ein altes Buch von Maria stößt, verweben sich ihre Träume und Sehnsüchte immer stärker mit denen der Hebamme. Bis sie erkennt, dass auch sie ihren eigenen Weg gehen muss.





Über die Autorin:

Tanja Wekwerth, geboren 1966 in Berlin, lebt als freie Autorin mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe von Berlin.





Ebenfalls bei dotbooks erschien Tanja Wekwerths Roman Esthers Garten.





***





eBook-Lizenzausgabe September 2014

eBook.de Edition, Hamburg 2014

Copyright © der Originalausgabe 2004 bei Knaur Taschenbuch.

Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

Copyright © 2014 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Atelier Nele Schütz, München



Titelbildabbildung: © Nele Schütz Design unter Verwendung eines Bilds von shutterstock/bezikus





ISBN 4038858101385





Tanja Wekwerth





Das Haus der Hebamme





Roman





eBook.de Edition





Für meine Mutter

und meinen Vater





Prolog


Wie ein rot geziegeltes Schiff auf dem Strom des Lebens liegt ein altes Haus in welligen Feldern. Es treibt durch die Jahre über weithin glänzende Seen und stürmische Meere. Menschen kommen und gehen, hinterlassen einen Schatten, der manchmal noch an die Wand fällt, um seine Geschichte zu erzählen, einen Fleck auf dem Fußboden, allmählich verblassend. Ein Baum wächst übers Dach, schaut neugierig durch die Fenster, sieht eine Braut mit Maiblumen und Morgensonne im Haar, sieht Türen sich öffne; n und schließen. Tage werden kürzer, Nächte länger, Erntewagen rollen vorüber, Schnee auf den Stufen. Osterfeuer brennen. Dunkle Jahreszeiten und lichte, dunkle und lichte. Der Widerhall eines alles entscheidenden Satzes schwebt unter der Zimmerdecke, nie gesagte Worte surren wie Fliegen durch die Küche. Träumer murmeln im Schlaf, und Engel halten ihre lautlose Wache. Der Mond lugt durch die Gardinen. Kinderlachen hallt durchs Haus, verstummt irgendwann. Schritte, treppauf, treppab, wieder und wieder, jahrelang ist alles in Bewegung. Alte seufzen, Ungeborene weinen, bis es still wird, sich ein Kreis schließt und der Augenblick neu beginnt. Der Morgen, der Mittag, der Abend, die Nacht ...

Jede Zeit hat ihre Geräusche, Bilder und Geschichten. Es ist Zeit, die Anker zu lichten.





Teil I


Das alte Backsteinhaus sah aus wie ein wahr gewordenes Kinderbild.

Genau so malen Kinder Häuser – mit rot gedecktem Giebeldach und Schornstein, zwei Fenstern oben, einem unten und einer blauen Tür. Daneben stand ein knorriger Birnbaum, dessen Äste bei Wind an die oberen Fenster kratzten.

Anne hatte das Bedürfnis zu schleichen, als sie einmal um das Haus herumlief. Im verwilderten Garten wuchsen üppige Holunderbüsche, mannshohe Hortensien und verholzte, stark verästelte Sträucher Beifuß. An der Giebelseite rankte Jelängerjelieber in voller Blüte, einen betörenden Duft verströmend. Sie atmete ihn tief ein, als wäre er heilsam. Die umliegenden braunen Stoppelfelder dampften in der Hitze. Einem ekelhaften Insekt nicht unähnlich, kroch am Horizont ein Pflug dahin, Staubwolken hinter sich herziehend, geräuschlos.

»Kommst du?«, rief Adam, und sie folgte seiner Stimme.

In weiter Ferne muhte eine Kuhherde. Bis auf monotones Grillengezirp war sonst alles still.

Anne und Adam kannten sich seit Jahren. Er, der Immobilienmakler mit besten Kontakten, sie, die Innenarchitektin, bewandert in den neuesten Wohn- und Gestaltungstrends. Sie hatten sich im Laufe der Zeit darauf spezialisiert, Häuser und Wohnungen komplett renoviert und möbliert zum Verkauf anzubieten. Mit Hilfe seines Vaters stöberte Adam fantastische Räume auf – Fabriketagen, Lagerhallen, puppenhafte Schlösschen, ehemalige Cafés. Einmal auch ein Schwimmbad aus der Zeit der Jahrhundertwende, mit grünen Marmorsäulen und lebensgroßen blauen Delfinen im gut erhaltenen Mosaikfries, das unter zwei Schichten Fliesen zum Vorschein kam. Die ehemaligen Umkleidekabinen ließen Anne und Adam in ein großes Wohnzimmer umbauen. Sie setzten zwei Badezimmer und eine amerikanische Küche dazu und eine Dachterrasse obendrauf, die über eine grünspanfarbene Wendeltreppe im Wohnzimmer zu erreichen war. Das Ganze nannten sie dann albern lachend »Einzimmerwohnung mit Dachterrasse und Swimmingpool, insgesamt dreihundert Quadratmeter in attraktiver Citylage«.

Das Projekt war ein wenig überspannt, hatte aber etwas Märchenhaftes, das Anne mehr berührte, als sie zugeben wollte. Trotz des schwindelerregenden Preises fand sich schnell ein Käufer. Anne hoffte lange, einmal eingeladen zu werden. Die Vorstellung, das ungefähr drei Meter tiefe und zehn Meter lange türkisfarbene Becken voller Wasser zu sehen, machte sie unruhig vor Verlangen. Sie sehnte sich danach, den Mosaikdelfinen an den Innenseiten des Beckens ein einziges Mal zu begegnen, und träumte oft von ihnen. Eine Zeit lang jede Nacht. Sich still von den Wänden lösend, sah Anne sie im lichtblauen Wasser zum Leben erwachen, sie unermüdlich umkreisen. Lautlos, berührungslos. Jedes Mal erwachte sie lachend, mit schwindligem Kopf.

Adam schloss die blaue Tür auf. Als er sie behutsam öffnete, floss ihnen eine angenehme Kühle entgegen. Sie stiegen drei graue Steinstufen nach oben und kamen in eine dämmrige Wohnküche. Ein alter Herd stand in der Ecke, daneben eine Küchenbank, leere Weckgläser darauf. Die Fensterläden machten ein unwilliges Geräusch, als Adam sie aufstieß, und es kam Anne vor, als würde das Sonnenlicht einen Moment zögern, bevor es sich mit langen Armen in den Raum warf. Auf dem Boden war eine dicke Staubschicht. Schweigend stiegen sie eine schiefe Holztreppe nach oben, die in zwei kleine, ineinander übergehende Zimmer führte. Auch hier öffneten sie die Fensterläden, sahen Staubwirbel durch die Luft flirren und dann langsam wieder zu Boden sinken. Ein Nagetier hatte hier vor langer Zeit einmal sein Nest gebaut. Stroh und leere Getreidehülsen lagen herum, verdorrte Kotkrümel, Stofffetzen. Eine Diele quietschte, ein Balken knackte. Anne stellte sich ans offene Fenster und beobachtete durch die Birnbaumzweige hindurch den Pflug, der noch immer seine Bahnen zog.

»Ist es nicht wundervoll?«, flüsterte sie.

Adam gab einen abfälligen Laut von sich. »Es ist viel zu klein.«

»Nein!«, rief sie erschrocken in die mittägliche Stille. Ihre Stimme klang merkwürdig schrill in den Räumen, die so lange nur ruhiges Dunkel beherbergt hatten.

Adams und Annes neuestes Vorhaben war es, im weiteren Umkreis der Stadt feudale Landsitze zu restaurieren und dann an müde Geschäftsleute zu verkaufen, die übers Wochenende ins Grüne wollten, um dort zu angeln, zu gärtnern oder auf die Jagd zu gehen. Es war ein Experiment.

»Mehr als eine Stunde Autofahrt sollte es nicht sein«, sagte Adam auf dem Weg nach unten in den Garten. »Und außerdem dachte ich eher an ein Gutshaus. Etwas Repräsentativeres.«

Anne setzte sich ins Gras und skizzierte die beiden Etagen. Unwillig schaute Adam zu ihr hin.

»Es ist zu klein«, beharrte er. »Wer soll das kaufen? Man kann keine Gäste unterbringen. Es würde gerade mal für eine Person reichen. Und es ist viel zu normal.« Anne hatte das Gefühl, dass ihr etwas Wertvolles am Entgleiten war.

»Lass uns dran üben, Erfahrungen sammeln, und im Notfall behalten wir es eben«, sagte sie schnell.

Entsetzt schüttelte er den Kopf. »Um Gottes willen! Die Landluft macht mich ganz krank. Und diese Stille erst ...«

Er machte eine weit ausholende Handbewegung. Hinter ihm flirrte die Mittagshitze. Weiße Samenpollen schwebten träge wie dicke Schneeflocken durch die warme Luft. Anne war, als bliebe das Leben in diesem lichtdurchfluteten Augenblick für einen kurzen Moment stehen. Den Anblick von Adam mit so viel Sonne im Haar, wie ein Heiligenschein um seinen Kopf gelegt, sollte sie ein Leben lang in Erinnerung behalten, als gäbe es eine Fotografie davon.

»Die Bude hat überhaupt kein Potenzial, es gibt ja nicht einmal eine Scheune.« Er fuhr sich gereizt durch die leuchtenden Haare. »Niemand würde es kaufen«, wiederholte er und ging kopfschüttelnd über den Feldweg zurück zum Auto. Seine Schritte knirschten im Sand, wurden leiser, der aufgewirbelte Staub begann sich schon wieder zu legen.

Anne schaute ihm hinterher, und auf einmal erkannte sie diese immer größer werdende Entfernung zwischen ihnen als ein bildhaftes, klares Omen. Irgendwann in den letzten Monaten hatte es in ihrer Beziehung eine Veränderung gegeben. Sie erinnerte sich, dass sie bei der Einweihungsfeier einer von ihnen mit Zebrafell-Imitaten ausgelegten und zum Wohnhaus umgebauten kleinen Kapelle aus dem 18. Jahrhundert zum ersten Mal eine Verstimmung in sich wahrgenommen hatte. Eine Ahnung davon, wie oberflächlich und gedankenlos die Tätigkeiten ihrer letzten Jahre gewesen waren, streifte sie, während sie zu viel Champagner getrunken hatte und sich immer elender fühlte. Sie stand auf einem kreisrunden Bodenmosaik mitten in der Kapelle, die sie der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, die nun die Behausung eines exzentrischen reichen Clowns war, und schämte sich. Ein blauer Strahl aus einem der sonnenbeschienenen Bleiglasfenster fiel in ihr halb volles Glas, und Anne fühlte Tränen ihre Wangen hinunterlaufen. Adam ließ sich derweil feiern, saß auf einer mit schillernder Seide bezogenen Chaiselongue, die den Platz des Altars eingenommen hatte, und war zufrieden mit sich und seiner originellen Welt. In diesem Augenblick hatte sich Anne gefragt, was für ein Mensch er eigentlich war. Wie ein feiner Haarriss, kaum sichtbar, dem Porzellangefäß aber seine Zuverlässigkeit und Resonanz nehmend, begleitete sie fortan ein ungutes, ernüchterndes Gefühl, wenn sie mit Adam zusammen war, und umso mehr alberne Projekte er durchführte und lächerlich hohe Summen dafür kassierte, umso schneller tastete sich der Riss voran.

Anne schreckte auf, als sie die Autotür dumpf zuschlagen hörte. Dann war wieder alles still. Erleichtert blickte sie zu dem dicht mit Efeu bewachsenen Haus hin, das von alten, aber kleinen Obstbäumen umstanden war. Sie sah die ersten Äpfel und Birnen sprießen und einen sonnentrunkenen Schmetterling gegen die blaue Tür taumeln. Im Garten stand eine schmiedeeiserne Pumpe mit geschwungenem Schwengel. Am Hahn hing noch der Eimer.

Etwas aus der sommertrockenen Wiese duftete gewürzhaft aromatisch, das Anne verschwommen zu kennen glaubte, doch sie kam dem Duft nicht auf den Grund.

Sie hörte die Autohupe, ein durchdringender, hässlicher Ton. Langsam stand sie auf, streckte sich, dann holte sie ihren Fotoapparat heraus und machte ein paar Aufnahmen vom Haus. Als sie die blaue Tür abschließen wollte, konnte sie nicht widerstehen, noch einmal die drei Stufen hinaufzugehen. Diesmal hatte sie das Gefühl, als wäre noch jemand dort, als wäre der ursprüngliche Bewohner nur schnell in den Garten geeilt, um ein paar Kräuter für das Abendessen zu pflücken. Vielleicht von denen, die eben so würzig gerochen hatten. Mit klopfendem Herzen stieg Anne die steile Treppe hinauf und stellte sich wieder ans Fenster. Sie konnte bis ans Ende der Felder sehen, die in weiter Ferne sanft in einen blaugrünen Wald übergingen. Sie genoss, dass ihr Blick nirgends anstieß, und seufzte vor Behaglichkeit laut auf. Draußen hupte es wieder mehrmals, doch sie konnte sich nicht losreißen von dieser besonderen Stimmung, den Gerüchen, dem Atmen des Hauses, als wäre plötzlich alles wieder am Fließen, durch die geöffneten Fenster und Türen und durch ihren Körper hindurch. Behutsam und mit dem stumm gegebenen Versprechen, bald wiederzukommen, schloss Anne die Fensterläden. Sie wartete noch einen letzten Augenblick im dämmrigen Licht der Küche, dann ließ sie die Eingangstür hinter sich ins Schloss fallen und drehte einen großen rostigen Schlüssel zweimal herum, den sie anschließend in ihrer Hosentasche versenkte.

Adam saß schlecht gelaunt im Auto und spielte am Radio. Als er Anne kommen sah, ließ er den Motor aufheulen.

»Ich möchte noch ein paar Schritte gehen«, sagte Anne. Zu ihrer Verwunderung zog er nur seufzend den Zündschlüssel ab und stieg aus dem Wagen.

»Wir haben nicht mehr viel Zeit«, sagte er.

Anne wäre lieber allein gegangen. Sie liefen die holprige, von mächtigen Linden gesäumte Dorfstraße entlang. Die Bäume schienen oben zusammenzuwachsen, und wie ein grüner Tunnel lag die Straße vor ihnen. Vereinzelte Backsteinhäuschen lugten verschlafen hinter Hecken und Beeten hervor. Ab und zu schlug ein Hund an, Hühner scharrten im Sand. Kein Mensch war zu sehen. Eine südländische Siesta-Atmosphäre lag in der wohlig warmen Luft. Adam sprach pausenlos, sein Handy klingelte in der kurzen Zeit zweimal.

»Sch!«, machte Anne gereizt und legte den Zeigefinger auf die Lippen. »Sei doch endlich still!«

Während Adam sich an einen Baum lehnte und telefonierte, ging Anne zügig weiter. Aus dem nahe gelegenen Wald strömte ein weicher, harziger Duft, der ihr das Herz öffnete und tief in ihrem Innern etwas zum Schwingen brachte. Sie versuchte sich dieses magische Gefühl zu erklären, aber es gelang ihr nicht. Ihr war, als hätte der wohltuende Geruch ihre Seele gestreift und einen silbrigen Klang erzeugt. Anne atmete so heftig ein und aus, dass ihr schwindlig wurde. Begierig nahm sie alles um sich herum wahr, mit geschärften Sinnen und aufgerichteten Nackenhaaren. Weit und breit gab es kein einziges Geschäft, nur einen Briefkasten und inmitten verwitterter Grabsteine eine winzige Kirche, deren Glocke gerade blechern und misstönend zu scheppern begann. Adam hielt sich ein Ohr zu und lachte in komischer Verzweiflung in sein Handy. Wie er in seinem grau schillernden Armani-Hemd – einer Farbe, die so gar nicht hierher passen wollte – unter der alten Linde stand, Sonnentupfen im Gesicht, und die Glocke unaufhörlich bimmelte, beobachtete sie ihn scharf, als müsste sie ihn neu fokussieren.

»Lass uns verschwinden, bevor die Mücken uns fressen!«, rief er, als er sein Telefonat beendet hatte. Ihr Blick wurde ihm unangenehm, und mit schnellen Schritten ging er voraus zum Auto. Nachdenklich trödelte Anne hinterher. Sie schaute ein letztes Mal über die Gärten und Wiesen und erwiderte den Gruß eines alten Mannes, der am Zaun stand und korallenrot blühende Stockrosen daran festband, die doppelt so hoch waren wie er. Anne berührte den Schlüssel in ihrer Hosentasche, und ihr war, als würde er glühen. Als Anne am Abend wieder in ihre geräumige Altbauwohnung kam, schlug ihr eine Welle dumpfer, abgestandener Luft entgegen. Sie erschien ihr ungesund, und während sie zum Fenster eilte, um es zu öffnen, vermied sie es, durch den Mund zu atmen. Adam hatte noch mit zu ihr kommen wollen und Appetit auf Pizza Scampi, gefüllte Champignons und eine kalte Flasche Soave vom italienischen Lieferservice gehabt. Es hatte Anne viel Mühe gekostet, ihn zurückzuweisen, doch sie musste jetzt alleine sein, um zu begreifen, was geschehen war, um sich jedes einzelne Bild des Tages noch einmal in Ruhe vor Augen zu führen. Schließlich täuschte sie Übelkeit vor, und beleidigt setzte Adam sie vor ihrer Haustür ab.

Sommerliche Stadtgeräusche strömten ins Zimmer, ein Autoalarm gellte. Es war fast dunkel draußen. Anne war immer noch sehr heiß. Müde zog sie sich aus und nahm eine lauwarme Dusche. Sie wusch sich die Haare, genoss den frischen Zitronenduft des Shampoos, und ohne sich abzutrocknen schlüpfte sie in ein weißes T-Shirt

Anne war zu durstig, um etwas zu essen. Sie trank eine ganze Flasche Mineralwasser, dann war sie satt. Ruhelos lief sie über knarrendes Parkett durch die Wohnung und machte überall Licht, das den letzten Dämmerzauber aus den Ecken vertrieb. Der Straßenlärm störte sie an diesem Abend besonders. Sie versuchte sich einzureden, dass es wie die Brandung des Meeres klang, aber es gelang ihr nicht. Um sich zu beruhigen, setzte sie sich an den Computer. Eine Fabriketage sollte für einen gerade im Trend liegenden Maler in ein Atelier mit Galerie und Ausstellungsräumen umfunktioniert werden. Er bestand auf viel Granit, Chrom und Acryl, neureiche Achtzigerjahretrends, die ihm nicht auszureden waren. Anne machte der ganze Auftrag keinen Spaß.

»High-Tech-Super-Modern« lautete die Weisung des Künstlers, was die Einrichtung betraf. Er wusste wohl selbst nicht so recht, was er damit meinte, und Anne war erleichtert gewesen, diesem Banausen keine Antiquitäten anbieten zu müssen.

»Ich will einen Tisch aus Alabaster«, sagte er bei ihrem zweiten Treffen. »Geht das?«

Anne hatte sich mit ihm auf der Fabriketage verabredet, um seine genauen Wünsche festzuhalten, die Lichtverhältnisse zu prüfen, Maße zu nehmen.

»Nenn mich doch einfach Eros«, schlug er lächelnd vor.

»Ich duze mich nie mit Kunden«, hatte Anne entgegnet und war sich zu spät bewusst geworden, dass es sich anhörte, als wäre sie eine Prostituierte.

»Zweihundertfünfzig Quadratmeter schwarzen Granit ...«, tippte Anne in den Computer. Ihr Blick verschwamm auf dem stahlblau leuchtenden Bildschirm, der in einer unangenehm hohen Frequenz leise rauschte. Sie hatte Kopfschmerzen. Mit geschlossenen Augen massierte sie sich die Schläfen. Ihre Gedanken schweiften ab, wanderten zurück zu dem Bauernhaus in der Prignitz. Andächtig breitete sie die Polaroid-Aufnahmen vor sich aus und betrachtete jede einzelne ausgiebig. »Das ist das Haus vom Nikolaus«, flüsterte sie. »Niemand wird es kaufen, niemand«, hörte sie Adams Stimme eindringlich.

»Das Haus, das Haus vom Nikolaus«, flüsterte Anne. Sie hatte Angst, der Zauber würde wieder verfliegen.

In den folgenden Tagen arbeitete sie wie besessen an der Fabriketage. Jeden Morgen fuhr sie sehr früh zur Baustelle. Die Granitplatten waren inzwischen eingetroffen. Im Sonnenlicht wirkten sie nicht schwarz, sondern grünlich, und Anne musste sie zurückschicken. Adam sah sie in dieser Zeit jeden zweiten oder dritten Tag. Sie trafen sich zum Mittagessen auf sonnigen Restaurantterrassen und besprachen Geschäftliches.

»Iss nicht zu viel«, mahnte er sie, denn er bevorzugte magere Frauen. Manchmal war sie versucht, sich ihm anzuvertrauen, ihm von der duftenden, singenden Wiese hinter dem Backsteinhaus zu erzählen, von den murmelnden Holunderbüschen und dem orangefarbenen Sonnenviereck, das in die alte, nach Geräuchertem riechende Bauernküche gefallen war, aber sie hielt sich zurück. Sie wusste, dass er sich über sie lustig machen würde. Tagsüber schuftete sie wortkarg für die Fabriketage, nachts schlief sie schlecht. Ein ständig im Hinterhof laufender Ventilator erfüllte die Luft mit Vibrationen, die viele Wege nahmen, sich durch Wände fraßen, bis in ihr Schlafzimmer gelangten und sich auf den Wellen ihres leichten Schlafes brummend bis in ihren Kopf bohrten. Anne fragte sich erschrocken, warum es ihr noch nie aufgefallen war.

Sie begann die Abende alleine zu verbringen und sich darauf zu freuen. Anstatt wie früher mit Adam auf Partys zu gehen oder bis spätabends mit Auftraggebern, Stoffmustern und Grundrissen in Restaurants zu sitzen, machte es sich Anne nun auf dem Balkon in einem Schaukelstuhl gemütlich, neben sich eine Flasche Wein oder eine Kanne Tee. Sie umfasste ihre angezogenen Knie und starrte in den nächtlichen Himmel. Während sie sich sanft hin und her wiegte, war ihr, als hätte sich ihr Lebenssinn verlagert, plötzlich und ohne Vorwarnung, und sie beschloss eintreffen zu lassen, was auch immer da auf sie zukam. Es schien unabwendbar zu sein.

Stunde um Stunde saß Anne auf ihrem winzigen Balkon, bis die Kufen des Schaukelstuhls an die Wände stießen. Dann stand sie auf, um neuen Tee zu kochen oder Wasser zu holen. Sie rückte den Stuhl zurecht und setzte sich wieder hinein, sich unermüdlich vor und zurück wiegend. Den Kopf nach hinten gelehnt, schaute sie in das Stück Himmel, das die umstehenden Hochhäuser freigaben. Sie beobachtete die schmale Sichel des Mondes, die vor Mitternacht wieder verschwunden war. Anne wurde sich bewusst, wie wenig sie bisher wahrgenommen hatte. Alles Natürliche schien vom Gebrüll der Stadt verscheucht oder geschmälert zu werden und an Bedeutung zu verlieren. Mit klopfendem Herzen bemerkte sie, dass sie nicht einmal die Himmelsrichtungen bestimmen konnte, dass sie nicht wusste, in welche dieser Richtungen ihre Wohnung hinausging. Sie begann nachzudenken, und ihr fiel ein, dass am späten Nachmittag Sonnenstrahlen auf ihren Toilettentisch im Badezimmer fielen und die darauf stehenden Parfumflacons und Kristalltierchen in allen Farben des Regenbogens aufflammten. Manchmal schlief sie im Schaukelstuhl ein, und bevor sie mit steifem Nacken und schmerzenden Gliedern frierend erwachte, sah sie im Traum bänder- und blumengeschmückte Erntewagen über die holprige Dorfstraße fahren, sah es auf den Feldern hell und dunkel, Frühling, Sommer, Herbst, Winter und wieder Frühling werden, sah Zeiten und Menschen kommen und gehen und sehnte sich danach, an diesem unendlichen Reigen teilzunehmen.

Sie saß mit Adam im Fischrestaurant La Mer, als sie i hm mitteilte, dass sie bald für einige Tage zu dem alten Backsteinhaus mit der blauen Tür fahren wolle. Der Name des Restaurants und die mit allerlei getrockneten Krustentieren und Fischernetzen dekorierten Wände und Decken erschienen Anne übertrieben. An den offenen Fenstern floss in einem schmalen Betonbett die braune Spree vorüber. Ab und zu hörte sie das Tuckern von Lastkähnen und kurz darauf müdes Wellenschwappen.

»Du wirst hier noch gebraucht«, sagte Adam und blickte arrogant auf seine gepflegten Hände, die mit einer Zigarettenschachtel spielten. »Du musst die Handwerker jeden Tag auf der Baustelle überwachen, sonst pfuschen sie. Die hätten den grünen Granit todsicher verlegt, statt ihn zurückzuschicken, und außerdem ...« Er machte eine kleine Pause, dann holte er sein zerfleddertes kalbsledernes Notizbuch hervor, dem er zwei aneinander geheftete Bogen entnahm. »Vergiss die alte Bruchbude da draußen. Wenn du unbedingt willst, schauen wir uns bei Gelegenheit mal das alte Jagdschloss in Bad Wilsnack an. Oder irgend so etwas in der Art, aber vorher ...«, mit einer eleganten Bewegung legte er Anne die Blätter auf ihren leeren Teller, »... machen wir das hier.«

Anne blickte kurz darauf. »Was ist das?«

»Unser neues Projekt«, flüsterte er geheimnisvoll. Dann konnte er sich nicht länger beherrschen. Ein Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht und entblößte makellos weiße Zähne. »Ein ehemaliger Bunker. Hab ihn schon besichtigt. Wahnsinnig morbide. Da machen wir was ganz Tolles draus, mit roten Wänden und Kandelabern.«

Anne schüttelte den Kopf. »Ich will nicht.«

Mit finsterer Miene zündete er sich eine Zigarette an. Das noch brennende Streichholz warf er zielsicher auf den Brotteller, wo es einen kleinen schwarzen Kreis ins Porzellan brannte und dann verlosch. In diesem Moment brachte der Kellner eine große Portion Austern. Adam nahm noch zwei tiefe Züge an der Zigarette und drückte sie dann aus. Eine steile Zornesfalte war zwischen seine Augen getreten. Anne beobachtete, wie er seine Gabel wütend in das grüngraue Austernfleisch stach, es mit einem Ruck aus der Schale riss und vorsichtig, fast sanft, wieder zurücklegte, um es dann in seinen Mund zu saugen und im Ganzen zu verschlucken.

»Ich hätte gerne ein Glas Rotwein«, brach Anne das Schweigen.

»Das passt nicht zum Fisch.« Adam sah sie unfreundlich an.

Während er im weiteren Verlauf des Abends nur noch über sein Bunkerprojekt redete, erste Ideen spann und sofort wieder verwarf, aß und trank Anne genussvoll und konzentriert. Ab und zu schweifte ihr Blick über das vertrocknete Meeresgetier an den Wänden, und sie fragte sich, warum es keinen unangenehmen Geruch verströmte.

»Hörst du mir zu?«, fragte Adam plötzlich. Seine Hände waren in einer kraftvollen Geste mitten in der Luft stehen geblieben.

»Ja, ja«, antwortete Anne schnell mit vollem Mund und fühlte sich ertappt.

»Was isst du so viel?« Angewidert starrte er auf ihren fast leeren Teller. Mit glühenden Wangen schluckte Anne den letzten Bissen hinunter. »Also, was meinst du?«, fragte er dann und begann sein inzwischen kalt gewordenes Fischfilet zu zerteilen.

»Ich mache nicht mit«, sagte sie ruhig.

»Was?« Adam beugte sich über den Tisch, als hätte er sie nicht verstanden.

Anne wischte sich den Mund mit einer Serviette ab, dann schüttelte sie den Kopf.

»Hör zu«, sagte Adam aufgebracht. »Der Auftrag sieht uns beide vor. Wir sind als Team engagiert, verstehst du? Ohne Anne kein Vertrag.«

»Nein. Ich habe mich anders entschieden«, entgegnete Anne und holte tief Luft. Dann erzählte sie ihm mit fester Stimme, dass sie einen Kredit aufgenommen habe und die erste Anzahlung auf das alte Bauernhaus in der Prignitz kürzlich in ihrem Namen erfolgt sei. Während sie sprach, wurde Adam blass. Krachend kippte sein Stuhl nach hinten, als er wutschnaubend aus dem Restaurant eilte und Anne mit vielen neugierigen Blicken und der offenen Rechnung zurückließ. Sie bestellte sich ein Glas Rotwein, und während sie mit klopfendem Herzen ihre Nachspeise löffelte, war sie stolz auf sich, nach so vielen Jahren endlich eine Entscheidung alleine getroffen zu haben.





Lauschend stand Anne am nächsten Morgen in der Küche ihres Hauses. Noch hatte sie keine Fensterläden geöffnet, als wollte sie die Hausgeister nicht stören. Sie atmete tief den erdigen Geruch ein, der ihr merkwürdig vertraut erschien. Draußen flirrte lautlos der Spätsommertag. Anne wurde sich bewusst, wie allein sie in diesem alten Backsteinhaus war, das so einsam in den Feldern lag.

Ihren alten Fiat hatte sie voller Dinge geladen, die ihr für den Anfang wichtig erschienen – eine Taschenlampe, ein Schlafsack mit Decke, Mineralwasser, ein Besen und eine Schachtel Kekse. Sie fühlte sich abenteuerlustig wie ein unartiges, von zu Hause ausgerissenes Mädchen, wie ein Glücksritter aus längst vergessenen Kinderbüchern.

Mitten im verwilderten Garten breitete sie die Decke aus und legte sich aufseufzend darauf. Sie streckte Arme und Beine weit von sich und blickte in den Himmel. Eine Weile dachte sie an die Telefonate, die sie unbedingt noch führen sollte, an Möbelstoffmuster, die verschickt werden mussten, und wieder kam ihr ihr Leben so ungelebt vor, ohne Kanten, ohne Tiefe. Ein Leben, in dem neurotische Kundschaft launisch darüber urteilte, ob ein Wildledersofa jadegrün oder türkis zu sein hatte, in dem sich alles darum drehte, jeden neuartigen Gestaltungstrend originell umzusetzen. Der erschreckende Gedanke »Wo führt es dich hin, wenn du so weitermachst?« ließ sie frösteln.

»Ich bin sehr erfolgreich, verdiene viel Geld, und mein ob macht mir Spaß«, sagte sie halblaut und lauschte ihrem eigenen Satz, der wie eine schräge Tonleiter in der Luft hing.

»Und wenn du einfach hier bliebest?«, forschte die ungefragte Stimme in ihrem Innersten. »Wenn du dich unsichtbar machen würdest und hier bliebest?«

Verwirrt schloss Anne die Augen, lauschte dem beruhigenden Klang einer übereifrigen Grille, die ihr direkt ins Ohr zu musizieren schien, und schlief ein.

Erst Stunden später erwachte sie nass geschwitzt. Sie fühlte sich zerschlagen und beschloss, ein wenig spazieren zu gehen. In Gedanken versunken lief sie um das Haus herum. An der Südseite entdeckte sie ein morsches, an vielen Stellen zerbrochenes Spalier, durch das einmal eine prächtige Rose geklettert sein musste. Die toten, starren Zweige, voller Stacheln und von Unkraut erstickt, stimmten Anne traurig. Langsam ging sie über den Feldweg auf die Dorfstraße. Vor dem kleinen Friedhof blieb sie stehen. Unschlüssig blickte sie über eine Hand voll Gräber. Sie dachte an den blechernen Klang der Kirchenglocke, an Adam in seinem grauen Hemd. Als würde sie etwas Verbotenes im Schilde führen, schaute sie sich um, bevor sie lautlos die Pforte öffnete und den Friedhof betrat. Im frisch geharkten Kies hinterließ jeder knirschende Schritt eine vage Fußspur. Anne fand den Grabstein von Maria L. Reckenzien, geboren 1908, gestorben 1998.

Daneben den von Emilie Reckenzien. Der Geburtstag der Tochter war auch der Sterbetag der Mutter gewesen. Im Schatten eines großen Magnolienbaums stand ein rötlicher Feldstein.

»Runa – Hebamme in Liebe« stand in schwarz angelaufenen Messinglettern darauf.

Die Inschrift gefiel Anne gut, und sie blieb lange dort stehen.

»Hebamme in Liebe«, flüsterte sie, verzaubert vom Klang dieser Worte.

Am äußersten Rand des Friedhofs stieß sie auf ein grün bemoostes Grabmal, das völlig verwildert dalag.

»Hildegard Reckenzien« stand darauf, und der Grabstein aus porösem grauem Marmor begann bereits zu bröckeln. Anne fror plötzlich. Sie wollte gehen, kreuzte beim Verlassen des Friedhofs ihre eigenen Schritte und ließ scheppernd das schmiedeeiserne Törchen hinter sich zufallen. Ein leichter Wind war aufgekommen. Anne fühlte sich nicht gerade aufgemuntert. Sie wusste nicht, was sie unternehmen sollte, und ging deprimiert in das verfallene Bauernhaus zurück. Dort stieg sie die schmale Holztreppe nach oben und stellte sich wie bei ihrem ersten Besuch an das offene Fenster mit dem Birnbaum davor. Sie pflückte sich eine Frucht und genoss kauend den Blick über wogende Maisfelder, in denen eine glühende Sonne fast ganz versunken war.

Im Zimmer herrschte jetzt graues Licht. In den Ecken sammelte sich Dunkelheit wie kauernde Gestalten. Plötzlich wurde es Anne unbehaglich zumute. Die einsame Landschaft, die bei Tageslicht noch so malerisch und unverdorben gewirkt hatte, flößte ihr auf einmal Angst ein. Ihr war, als würde all die Leichtigkeit des hellen Tages in eine düstere Bedrohung umkippen, in einen nicht enden wollenden Schrecken. Sie richtete sich ihr Nachtlager her, rollte den Schlafsack auf dem dreckigen Fußboden aus und öffnete die Keksschachtel. Im Schein einiger Kerzen versuchte sie in einer Zeitschrift zu lesen, doch es strengte ihre Augen zu sehr an, sodass sie es bald wieder aufgab. Hunger hatte sie nicht, müde war sie nach dem verschlafenen Nachmittag auch nicht. Eine Zeit lang beobachtete sie den ruhigen Schein der Kerzen, die sie ans Fenster gestellt hatte. Sie hörte huschende Schritte über sich.

»Ein Marder auf dem Dachboden«, beruhigte sie sich leise und legte sich die Hände auf ihr pochendes Herz. »Nur ein Tier.«

Es gab viele Geräusche im Haus, gurgelnde, raunende, quakende, doch nicht für alle konnte Anne eine Erklärung finden. Sie war unruhig und beschloss, noch mal nach unten zu gehen. Ohne nachzudenken blies sie die Kerzen aus, und dann umgab sie nur noch die pechschwarze Nacht. Annes Herz begann zu rasen. Fieberhaft suchte sie nach der Taschenlampe, mit zitternden Händen durchwühlte sie ihre Handtasche, fühlte die Keksschachtel, ihre Autoschlüssel, vertraute Dinge, die sie aus einer anderen Welt zu grüßen schienen. Ihre Augen wollten sich nicht ans Dunkel gewöhnen, und auch als sie tastend zum Fenster gelangt war, wurde es nicht besser. Draußen herrschte eine mondlose Finsternis, die sie zu verspotten schien. Als Anne das Fenster öffnete, war ihr, als flösse die schwarze Nacht zu ihr ins Zimmer, allgegenwärtig und unbesiegbar, sich eine neue Dimension erobernd. Ihr stockte der Atem, so deutlich verspürte sie diese Anwesenheit, und schreiend stürzte sie die Treppe nach unten und flüchtete hinaus in den Garten. Atemlos erreichte sie ihr Auto. Sie hatte sich den Kopf gestoßen, spürte aber keinen Schmerz, hatte später nur den metallischen Geschmack von Blut in ihrem Mund. Erst als sie die vorüberhuschenden Lichter auf der Straße wahrnahm, atmete sie auf, und ihr eigener Schrei hallte leiser in ihren Ohren. In der nächsten Ortschaft hielt sie an und betrat ein Gasthaus. Stimmengewirr, Radiogeplärr und rauchiger Bierdunst schlugen ihr entgegen und beruhigten sie. Als sie den entsetzten Gesichtsausdruck des Wirts bemerkte, fiel ihr ein, dass sie voller Blut sein musste. Schnell ging sie in den Toilettenraum, wo sie sich mit kaltem Wasser und Papierhandtüchern reinigte. Sie ließ das Wasser laufen und starrte in den Spiegel.

»Als hättest du den Leibhaftigen gesehen«, flüsterte sie sich zu, doch es gelang ihr nicht zu lächeln. Hinter sich entdeckte sie einen Automaten, aus dem man Kondome und Tampons ziehen konnte.

»Wenn du's machst, mach's richtig«, stand in neongelben Lettern darauf, und Anne fragte sich kurz, welcher der beiden Artikel gemeint war. Sie trank einen Schluck Wasser und kühlte sich noch mal die glühenden Wangen. Dann ging sie zurück in die Wirtsstube und setzte sich allein an einen Tisch. Sie bestellte Bier und Bratkartoffeln mit Speck. Gleich der erste Schluck Bier stieg ihr zu Kopf. Sie trank das Glas aus, aß die Bratkartoffeln und bestellte noch ein Bier. Der Wirt lächelte, es war kein schönes Lächeln. Später brachte er ihr unaufgefordert einen Schnaps.

»So eine schöne Frau so allein heute Nacht«, sprach sie ein Mann am Nachbartisch an. Anne setzte sich mit dem Rücken zu ihm. Das volle Schnapsglas hatte sie an den Rand des Tisches gestellt. Sie trank das Bier, das wie Medizin wirkte. Jeder Schluck ließ sie ruhiger werden und gab ihr eine Gelassenheit, die sie sich in nüchternem Zustand gewünscht hätte.

In dieser merkwürdigen Neumondnacht nahm sich Anne ein Zimmer in dem namenlosen Gasthaus. Betrunken schwankte sie die Treppe in den ersten Stock und verschloss die Tür hinter sich. Sie ließ den Schlüssel stecken und sackte angezogen aufs Bett. Kurz bevor sie in einen dumpfen Schlaf fiel, hörte sie noch, wie die Klinke mehrmals hinabgedrückt wurde und sich dann Schritte entfernten.

Am nächsten Morgen erwachte Anne sehr früh. Sie hatte Kopfschmerzen und Durst. Im Haus regte sich nichts. Nur vorüberfahrende Autos waren zu hören und ein hysterisch bellender Hund. Sie schluckte zwei Schmerztabletten, legte einen Geldschein auf den Nachttisch und hatte es plötzlich sehr eilig, fortzukommen. Schnell und lautlos schlich sie sich aus der Gaststätte. Dann fuhr sie zurück in das einsam gelegene Bauernhaus. Der Weg war weiter, als sie ihn in Erinnerung hatte.

Diesmal parkte sie den Wagen auf der schiefen Dorfstraße, um den verbleibenden Weg über das Feld zu Fuß zu gehen.

Der sommerliche Glanz verlor sich allmählich, und zum ersten Mal fiel ihr das herbstlich gestimmte Licht auf, völlig anders gelaunte Sonnenstrahlen, die klarer und ernster waren. Als das Haus vor ihr stand, erschien es ihr noch verfallener. Die Eingangstür war offen und pendelte träge im Wind. Anne atmete tief durch. Mit dem Besen in der Hand ging sie hinein und begann zu fegen. Sie fegte Blätter, Mäusedreck und Spinnweben vor sich her, fegte Sägespäne davon, die in kleinen Haufen auf den Dielen lagen und von der jahrelangen Arbeit fleißiger Holzwürmer zeugten. Sie fegte das ganze Haus von oben bis unten und schließlich sogar die drei Steinstufen. Dann lehnte sie zufrieden den Besen gegen die Hauswand und setzte sich ins Gras.

»Hier müssten noch Stallungen und eine Scheune gewesen sein«, sagte der Mann von der Baufirma, den Anne wenig später um eine Einschätzung gebeten hatte. Suchend lief er durch das hüfthohe Gras und blieb plötzlich stehen. »Hier!«, rief er triumphierend und deutete auf eine Erhöhung, die dicht von Brennnesseln bewachsen war. Mit einem Spaten grub er ein Loch hinein. »Lauter verkohltes Holz.« Mit skeptischem Blick auf das Haus fuhr er fort: »Das Haus braucht einen neuen Dachstuhl und müsste gedeckt werden, die gesamte Elektrik muss erneuert werden, neue Rohre und Fenster müssen her und eine Zentralheizung. Das kostet Sie doppelt so viel, wie das alte Haus überhaupt noch wert ist.« Belustigt sah er sie an. Anne straffte sich. »Ich gebe Ihnen den Auftrag«, sagte sie und bemühte sich um eine ruhige Stimme. »Die Originalfenster möchte ich allerdings behalten.«

Er zuckte mit den Schultern. »Alles eine Frage des Geldes.«

»Und die Fensterläden auch«, fügte Anne fast trotzig hinzu.

Sie schüttelten sich die Hand, um das Geschäft zu besiegeln. Als der Mann weg war, kehrte Anne ins Haus zurück.

»Mein Haus«, flüsterte sie glücklich. Ruhig atmend ging sie in jeden Raum, verweilte überall einen Augenblick lauschend, sah eine Delle im Dielenfußboden und viele Löcher in der Wand, Rußflecken in der Küche und eine Kerbe auf jeder zweiten oder dritten Treppenstufe. Vielleicht Axthiebe, dachte sie, und als sie im Obergeschoss ins Birnbaumzimmer trat, das voller goldenem Licht war, entdeckte sie auf dem hölzernen Fensterbrett einen in wackliger Schrift eingeritzten Namen.

Es war der Namenszug eines Kindes, das vor langer Zeit den falschen Namen erhalten hatte und das Himmel und Erde nicht vorgestellt worden war.





Teil II


Das Unglück nahm seinen Lauf, als Karl Reckenzien den mächtigen Holunderbusch im Garten abhackte. Bleich und erstarrt stand Emilie auf der zweiten Steinstufe vor der Küchentür, beide Hände stützten ihren harten, geschwollenen Bauch. Mit wütenden Axtschlägen hieb Karl auf die Äste ein, und es regnete Holunderbeeren auf ihn herab.

Es war ein heißer, schwüler Tag im August 1908. Am Abend setzten bei Emilie die Wehen ein. Sie hätte dieses dritte Kind niemals mehr bekommen dürfen, denn bereits bei ihrer Niederkunft im Vorjahr war sie nur knapp dem Tod entronnen. Damals hatte die alte Hebamme viel Mühe gehabt, die schweren Blutungen zu einem Ende zu bringen. Emilie hatte davon nicht mehr viel gemerkt. Nach den unsäglichen Schmerzen und Anstrengungen der Geburt konnte sie noch kurz das Kindchen bewundern, das ihr die Hebamme hochhielt, doch mit dem unaufhörlich heraussickernden Blutstrom wich auch das Leben aus ihr. Nicht unglücklich, fiel sie in einen tiefen dunkelroten Schlaf, aus dem sie fast nicht mehr erwacht wäre.

Aber die erfahrene Wehfrau wusste, was zu tun war. Als Emilie nicht mehr blutete, wurde der kräftig schreiende Säugling mit gekonnten Handgriffen gewaschen und gewickelt. Dann ging die alte Frau nach draußen und hob stolz einen neuen kleinen Menschen in den Sternenhimmel, wie sie es jedes Mal tat.

»Himmel und Erde«, sagte sie. »Der Morgen, der Mittag, der Abend, der Wind. Ich segne dich, mein liebes Kind.«

Es war ihr altes Begrüßungsritual, das Neugeborene in alle vier Himmelsrichtungen zu halten, ihm Himmel und Erde zu zeigen, so, wie es ihr vor vielen Jahren von ihrer Lehrmeisterin beigebracht worden war.

Der Mann kam dazu. »Ist es ein Junge?«, fragte er rau.

Die Alte antwortete nicht, sondern murmelte vor sich hin.

»Der Unterleib ist zu schwach«, sagte sie, als sie fertig war und das Kind zu seiner Mutter ins Bett gebracht hatte. »Sie darf keine Kinder mehr kriegen.«

Der Bauer Karl nickte. Er starrte auf das bleiche schlafende Gesicht seiner Frau, an dem jetzt ein winziger Kinderkopf ruhte. Die Hebamme legte die blutgetränkten Laken in einen Waschzuber, ließ Wasser darauf laufen und packte ihre Utensilien zusammen.

»Wer schweren Leibes ist, hat schon einen Fuß im Grab«, sagte sie zu Karl. Dann hatte die weise alte Frau ihre große lederne Tasche geschlossen und sich grußlos auf den Heimweg gemacht.

Das Kind war ein Mädchen, und knapp drei Monate später war seine Mutter wieder guter Hoffnung.





Emilie hatte lange gebraucht, um sich von dieser schweren zweiten Geburt zu erholen, und als es ihr wieder besser ging, war auch Karl nicht mehr weit. Sie versuchte ihm auszuweichen, sie mied sogar seinen Blick. jeden Abend ließ sie ihn zuerst zu Bett gehen und wartete, bis er schnarchte. Erst dann schlich sie hinterher, um sich vorsichtig an den äußersten Rand des knarrenden Bettes zu legen. Eines Nachts erwischte er sie doch.

»Komm her«, sagte er, und seine Stimme war rissig vor Erregung. Emilie wehrte sich, aber er schien es nicht einmal zu bemerken.

»Was habe ich von einer Frau, die mich nicht rauflässt?«, keuchte er, und nach vier oder fünf kräftigen Stößen war es vorbei.

Nach ein paar Wochen machte sich Emilie auf den Weg in den Wald zur Hebamme, ihre erste Tochter Ilse an der Hand, das Baby Käthe auf dem Arm. Es war ein kalter Wintermorgen.

»Leg dich auf den Tisch«, befahl die Wehfrau streng und schob das Frühstücksgeschirr beiseite. »Auf dich habe ich schon gewartet«, murmelte sie dabei.

Emilie gehorchte. Ilse saß stumm und erschrocken auf der Küchenbank, ihre winzige Schwester im Arm.

»Beine auf!«, schimpfte die alte Hebamme und tastete sich mit zwei kalten Fingern in Emilies Unterleib voran. Auf dem Herd blubberte träge ein Topf voller Kartoffeln, die Küchenfenster waren beschlagen. »Gesegneten Leibes«, sagte sie düster und zog energisch die Finger heraus. »Wir versuchen es erst mal mit Sevenbaum. Hack die Spitzen klein, koche sie zehn Minuten mit drei Tassen Wasser, dann nimmst du zwei Esslöffel davon. Noch heute Abend. Das tötet die Frucht.« Sie überreichte Emilie einen kleinen Beutel. »Nicht mehr«, sagte sie noch, »sonst tötet es dich, nicht weniger, sonst hilft es nicht.«

Emilie legte ein paar Münzen auf den Tisch und ein Dutzend Eier dazu.

»Danke«, sagte sie leise.

Die Hebamme machte eine wegwerfende Handbewegung. »Und wenn es nicht klappt, kommst du morgen wieder. Dann machen wir es anders.«

Sobald Emilie wieder zu Hause war, hackte sie die schuppigen Blätter, deren beißender Geruch in Augen und Nase brannte. Sie zögerte kurz, wusste nicht mehr, ob sie die Kräuter in kaltem Wasser ansetzen sollte oder ob das Wasser erst kochen musste. Schließlich warf sie sie ins kochende Wasser, goss noch eine halbe Tasse Wasser dazu und ließ alles zehn Minuten auf dem Herd. In dieser Zeit brachte sie ihre Töchter zu Bett. Als sie wieder in die Küche trat, wurde ihr übel von dem scharfen, widerwärtigen Geruch, der ihr entgegenkam.

»Hexenküche«, murmelte sie und zog den zischenden Topf vom Herd. Argwöhnisch versenkte sie einen großen Löffel in der braunen Flüssigkeit, holte tief Luft und steckte ihn in den Mund. Es schmeckte viel schlimmer, als sie befürchtet hatte. Sie hustete, würgte mehrmals, schaffte es aber, alles hinunterzuschlucken. Auch den zweiten Löffel voll behielt sie bei sich. Abwartend setzte sie sich auf einen Küchenstuhl. Nach einer Weile wurde ihr kalt und sterbensübel. Sie wollte die Fenster öffnen, doch ihre Hände und Beine begannen zu kribbeln, wurden gefühllos, und dann setzten plötzlich die Leibkrämpfe ein. Zitternd legte sie sich auf den Küchenboden.

So fand sie Karl, als er vom Feld kam. Der Arzt, der wenig später in die Küche trat, erkannte die Situation sofort. Er gab ihr eine große Spritze in den Arm und trichterte ihr ein starkes Brech- und Abführmittel ein. Als sie laut zu würgen begann, schleppte er sie hinaus in den Garten, wo sie unter seiner ärztlichen Aufsicht alles loswurde, was sich in ihrem Magen und Gedärm befunden hatte.

»Schäm dich«, flüsterte er drohend. »Und sieh zu, dass du dem Karl endlich einen Sohn schenkst.«

Emilie verstand es als ihr Todesurteil. Sie ging zwar am nächsten Morgen noch mal zur Hebamme, doch als sie die lange Stricknadel sah, mit der die Alte das Leben in ihr zerstören wollte, packte sie so große Angst, dass sie davonlief.

»Du wirst es nicht schaffen!«, rief die Hebamme ihr hinterher, aber Emilie unternahm nichts mehr. Sie fand sich mit ihrem Schicksal ab. Als ihr Bauch dicker wurde, wusste sie, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. Im Frühling pflanzte sie einige Obstbäumchen ums Haus. Immer deutlicher spürte sie, dass sie einen ständigen Begleiter hatte. Der Tod verfolgte sie wie ein wachsender Schatten, und da sie ihn nicht abschütteln konnte, versuchte sie sich ihn vorzustellen, ihm ein Gesicht zu geben. Manchmal sprach sie zu ihm.

Als Emilie an dem heißen Abend im August 1908 spürte, dass es so weit war, scheitelte sie ihr Haar und flocht sich zwei steife Zöpfe. Zärtlich strich sie über die blonden Köpfe ihrer Töchter. Dann ging sie nach oben ins Schlafzimmer, zog sich ein weißes Nachthemd an und legte sich aufs Bett.

Emilie machte sich bereit. Wie vor einem Jahr kam wieder die alte Hebamme. Mit dunklem Gesicht schloss sie die Tür hinter sich. Diesmal sollten sie den Kampf nicht gewinnen.

»Alles hat seine Stunde«, sagte die Hebamme leise und streichelte der Sterbenden die Stirn. »Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit. Eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben.«

Emilie starb mit vierundzwanzig Jahren, eine halbe Stunde, nachdem sie noch einem Mädchen das Leben geschenkt hatte, ein Jahr, nachdem die Hebamme sie vor einer weiteren Schwangerschaft gewarnt hatte.

»Das hast du von deiner Mauserei«, sagte die Alte zornig, als sie dem jungen Witwer das Kind in den Arm legte. »Sie soll Maria heißen, das war der letzte Wille deiner Frau.«

Es war eine warme Nacht voller Sternenglanz, und die alte Hebamme hatte vergessen, das Kind in die vier Himmelsrichtungen zu heben. Sie hatte vergessen, Maria Himmel und Erde vorzustellen. Als Karl die Hebamme bezahlen wollte, schüttelte sie den Kopf. Sie machte sich müde auf den Heimweg, sammelte noch einige Holunderdolden auf und sagte sich, dass sie in dieses Haus wohl nicht so bald wieder gerufen würde. Aber da irrte sie sich. Karl nannte seine jüngste Tochter Lotte und nahm sich bald eine neue Frau.

Im Dorf war Hille bekannt als alte Jungfer mit stinkendem Atem. Keiner wusste genau, wie alt sie war, und es interessierte auch niemanden. Die grobschlächtig gebaute Hille hatte weit auseinander stehende Augen von erstaunlich gelber, unmenschlicher Farbe, über die sich dunkle Brauen wölbten. Ihre Nase war breit, ihr Mund schmal und verkniffen. Mit ihrem siechen Vater lebte sie in einem verfallenen Haus, das direkt an der Friedhofsmauer klebte. An eine Mutter konnte sich kein Dorfbewohner mehr erinnern.

Hille hatte es schon lange auf Karl abgesehen und am Tag seiner Hochzeit wilde Verwünschungen in ihr verweintes Kopfkissen geschrien.

Eine Woche nach Emilies Beerdigung, der sie zufrieden an ihrem Schlafzimmerfenster hinter der Gardine beigewohnt hatte, passte sie einen günstigen Moment ab.

Als Karl nach stundenlanger Feldarbeit erschöpft auf dem Heimweg war, trat sie vor ihn. Er hatte den ganzen Tag das Heu gewendet, war hungrig und verstört. Er vermisste seine Frau, denn es war schön gewesen, sie nachts neben sich zu fühlen und nach ihr greifen zu können. Sie schwanger zu sehen hatte ihn jedes Mal mit Stolz erfüllt, wenn er auch dreimal so bitter enttäuscht worden war. Er liebte sein Haus, das er nach den alten Plänen seines Vaters selbst gebaut und an das er zum Schutz der Fassade einige Stängel Efeu gepflanzt hatte. Karl liebte Emilies Fliedersuppe und ihre großen Brüste. Nun hatte er das Haus voller Töchter und keine Frau dazu.

Da stand Hille vor ihm auf dem staubigen Feldweg. Mit ihren gelben Augen sah sie ihn an, als hätte sie auf ihn gewartet.

»Wenn du willst, führe ich dir das Haus und kümmere mich um die Kinder«, sagte sie. Karl nickte und glaubte einige Sorgen los zu sein.

Kurze Zeit nach Emilies Tod heiratete Karl die dümmlich grinsende Hille. Nach der bescheidenen Trauung gingen Karl Reckenzien und seine frisch gebackene Ehefrau nicht auf den Friedhof, wie es Brauch war, um die verstorbenen Seelen um ihren Segen zu bitten, denn Emilies Segen hätte Hille mit ihrem stolz gewölbten Bauch bestimmt nicht erhalten.

Auf allen vieren hatte sie den Küchenboden geschrubbt, als Karl hinter sie getreten war. An seinen Stiefeln klebte noch frischer Stallmist, der auf den nassen Boden bröckelte. Oben schrien die Kinder, doch beide hörten es nicht. Hille hatte die Knie gespreizt und den Hintern in die Luft gereckt. Wie besessen fuhr sie mit dem Oberkörper nach vorn und zurück. Erregt blickte Karl eine Weile auf sie hinab, dann hob er ihren Rock hoch. Unermüdlich kreiste und pendelte ihr blanker Hintern vor ihm, vor und zurück. Ächzend hockte sich Karl hinter sie, ließ seine Hosen runter und drang in sie ein. Mit wilden Stößen befriedigte er sich. Als er fertig war, stand er auf, machte seine Hose wieder zu und kehrte in den Stall zurück.

Dieser erbärmliche Akt, der für ihn lediglich der Versuch gewesen war, einen lästigen Juckreiz loszuwerden, bedeutete für Hille nicht nur ihre Entjungferung, sondern auch die Zeugung ihres ersten Kindes.

Kurz nach der Hochzeit nahm Hille ihren alten Vater zu sich. Mit einer grünen Fransendecke auf den Knien, saß er den ganzen Tag in einem Sessel in der Küche. Morgens und abends führte ihn seine Tochter wortlos ins Toilettenhäuschen, wo sie ihn für eine halbe Stunde allein ließ. Der kränkliche Mann sprach nie. Er bekam zweimal täglich eine Mahlzeit auf den Schoß gestellt, sonst schenkte ihm keiner Beachtung. Karl grüßte ihn nicht einmal, wenn er von der Arbeit kam, und schon bald gehörte der Alte zum Küchenmobiliar wie das braune Butterfass oder die immer auf dem Herd stehende gusseiserne Kanne mit bitterem heißem Kaffee. Die blinden Augen des Alten trübten sich von Tag zu Tag mehr und bekamen einen kalten, milchigen Glanz wie die zerkratzten Porzellanmurmeln der Kinder. Auch die Nächte verbrachte er regungslos im Sessel.

Wenn es Karl zwischen den Beinen juckte, schlich er im Dunkeln mit Hille die Treppe nach unten in die Küche. Dort legte sie sich sofort glucksend auf den Tisch, spreizte ihre enormen weißen Schenkel, streckte die Füße hoch in die Luft und ließ sich von Karl, der mit jeder Hand eine ihrer schweren Brüste gepackt hatte, begatten. Aus der Ofenklappe glühte ein roter Schein wie ein böses Auge, gerichtet auf die zuckenden, sich balgenden Leiber.

»Mein Vater, mein Vater!«, stöhnte Hille laut.

Über Karls Rücken spähte sie in die Ecke, wo ihr Vater im Sessel saß, den nebligen Blick starr auf das Treiben seiner Tochter gerichtet.

»Manche Frauen gebären, wie sie scheißen«, sagte die alte Hebamme mürrisch und nabelte einen sehr kleinen Jungen mit großem dunkelblauem Kopf ab.

Er wollte zuerst nicht atmen, aber nachdem sie ihn kräftig mit kaltem Wasser abgerieben und ihm auf Schenkel und Hinterbacken geklapst hatte, füllte er seine Lungen mit Luft. Ein entrüsteter Schrei erklang im Geburtszimmer.

»So ist es recht«, lobte ihn die Hebamme zufrieden.

»Was ist sein Kopf so schwarz?«, kreischte Hille.

»Morgen ist es weg«, sagte die Hebamme, aber Hille wollte sich nicht beruhigen. Sie weigerte sich laut jammernd, das Kind zu berühren. Die Wehfrau ging mit dem kleinen Jungen nach draußen, wiegte ihn lange in ihren Armen, bis er sich beruhigt hatte und sie mit ernsten Augen anblickte, als käme er von einer langen Reise.

»Herzlich Willkommen, Bübchen«, sagte die Hebamme leise und hob das Kind behutsam in einen grauen Himmel, der wie ein gewaltiger Strom schmutziger Milch dahinfloss.

»Himmel und Erde. Der Morgen, der Mittag, der Abend, der Wind. Ich segne dich, mein liebes Kind.«

Aus dem Haus klang immer noch Hilles Weinen.

»Was ist mit seinem Kopf?«, flüsterte sie drohend, als die Hebamme wieder an ihr Bett zurückgekehrt war. Der alten Frau sträubten sich die Nackenhaare, als sie in das harte Gesicht der jungen Mutter blickte.

»Es ist nur ein Blutstau, es wird weggehen«, antwortete sie ruhig.

Hille streckte die Arme aus. »Gib ihn her«, sagte sie, »meinen Sohn.«

Während die Hebamme ihr hölzernes Hörrohr, ihre Nadeln, Scheren und die Zange einpackte, beobachtete sie verstohlen, wie Hille ihren kleinen Sohn mit gelben Schlangenaugen anstarrte.

»Du sollst heißen wie dein Vater«, murmelte sie, wollte aber weder Karl noch ihre Stieftöchter empfangen. »Das Kind ist noch zu hässlich«, erklärte sie und mühte sich, dem wimmernden Kleinen ihre enorme Brustwarze in den Mund zu schieben, an der er zu ersticken drohte. Die Hebamme versuchte zu helfen, aber das Kind weigerte sich, immer lauter schreiend.

»Er muss«, beschied die alte Frau.

Sie presste der protestierenden Hille einige Tropfen ihrer fetten gelblichen Vormilch aus den Brüsten, fing die klebrige Flüssigkeit in einer Tasse auf und tat eine Gabe Wolferlei dazu, damit sich das gestaute Blut schneller verteilte. Dann gab sie dem kleinen Karl mit einer Pipette zu trinken.

»Er muss lernen zu saugen, sonst stirbt er«, sagte sie und streichelte dem ruhig gewordenen Kind übers Köpfchen. Nachdem sie Plazenta und Nabelschnur den Schweinen zum Fraß vorgeworfen hatte, wischte sie die Blutlachen im Haus auf, denn Hille hatte darauf bestanden, bis zum letzten Moment herumzulaufen. Geboren hatte sie das Kind schließlich in der Hocke auf dem Küchenfußboden, ungefähr an der Stelle, wo Emilie sich in Schmerzen gewunden hatte, nachdem sie das Austreibungsmittel genommen hatte.

Die alte Hebamme hatte Recht behalten, und Karlchens Kopf war am übernächsten Tag fast wieder von normaler Farbe. Nun war Karl endlich stolzer Vater eines Sohnes, und Hille hielt die Fäden in der Hand, ihren Stieftöchtern eine schöne Kindheit oder die Hölle auf Erden zu bereiten.

Lotte wurde von ihr die Muttermörderin genannt.

»Na«, fragte sie bei Tisch, wenn Karl nicht dabei war, »will die Muttermörderin noch ein wenig Kartoffelbrei?« Und ihre Augen sprühten bitterböse, während sie das unruhige Karlchen an ihrem Busen schaukelte. Lotte war zu dieser Zeit noch kein Jahr alt. Käthe, die mittlere Tochter, war noch so klein, dass sie zwar wie ein verwundetes Tierchen spürte, dass etwas Schlimmes ihr eine bleibende Narbe auf dem Herzen hinterlassen hatte, doch sie konnte nicht erfassen, was es war. Tief in ihren sich noch entwickelnden Gehirnkammern bewahrte sie jedoch Bilder einer lächelnden Mutter, die liebevoll zu ihr sprach und deren Augen dunkel vor Liebe und Traurigkeit waren. Es waren ebendiese Bilder, die sie viele Jahrzehnte später für Bruchteile von Sekunden vor ihrem Tod wiederfand und die sie lächelnd sterben ließen.

Einzig Ilse konnte sich noch eine Weile an das Lachen und Weinen ihrer Mutter erinnern und daran, wie süße Klütersuppe schmeckte, wie herrlich ein Teller voll heißem, leicht gesalzenem Kartoffelbrei dampfte, wie die Butter darauf zerschmolz und in den Kratern des Kartoffelbreibergs leuchtend goldene Seen bildete.

Hille war eine schlechte Köchin. Obwohl sie so gefräßig war, dass sie den Kindern Happen von ihren Tellern pickte, gab sie sich nicht die Mühe, etwas Wohlschmeckendes zustande zu bringen. Ihr Kartoffelbrei war wässrig, ihr Apfelmus sauer, und das Brot, das sie jeden Freitag buk, fand sich im Magen zu einem dicken Klumpen zusammen und bereitete Schmerzen.

Auch daran erinnerte sich Ilse noch lange, wie es im ganzen Haus und bis in den Hof hinaus duftete, wenn ihre Mutter Brot buk und dann den dunklen knackenden Laib auf dem Küchentisch auskühlen ließ. An besonders kalten Wintertagen hatte sie Ilse manchmal erlaubt, sich das schwere Brot an den Bauch zu pressen, um die daraus strömende Wärme in ihren Körper sickern zu fühlen. Doch auch diese Erinnerungen verblassten jeden Tag mehr, und einzig der Geruch von gutem frischem Brot verursachte in Ilse ein Leben lang ein herzzerreißendes, ohnmächtiges Sehnen.

Sobald Lotte laufen konnte, fassten sich die drei Schwestern an den Händen und bildeten ein unzertrennliches Gespann. Oft hielten sie sich sogar noch beim Essen fest, und wenn Hille ihnen mit dem Holzlöffel auf die Finger drosch, suchten sie unter dem Tisch mit den Füßen die schwesterliche Berührung.

Den kleinen Karl schlossen sie aus. Sie hassten ihren Halbbruder, schmierten ihm Hühnerdreck ins Haar, schubsten ihn in Kuhfladen und gaben ihm Efeubeeren zu essen, weil sie wussten, dass sie giftig sind. Karlchen erbrach sich mitten auf dem Hof, und nachdem Hille die schwarzen Kügelchen entdeckt hatte, verprügelte sie die drei Mädchen so sehr, dass sie die Hand hinterher in einer Schlinge tragen musste.

Karl fragte niemals, warum seine Töchter blaue Flecken und blutige Nasen hatten. Nach der stundenlangen Arbeit auf dem Feld und im Stall war er abends so müde, dass er bei Tisch weder Frauengewäsch noch Kindergeplapper ertragen konnte. Wortlos saß er da, aß und trank, dann fiel er ins Bett. Keifend scheuchte Hille die Kinder hinterher und schleppte ihren Vater ins Klohäuschen. Während er keuchend auf dem Balken saß, trieb Hille die Hühner ins Hühnerhaus. Einmal hatte sie es vergessen, und von den zehn schönen fetten Hennen hatte sich der Fuchs über Nacht gleich drei geholt.

Wenn Hille sicher war, dass alle schliefen, nahm sie aus der Küchenschublade ein rosiges Stück parfümierter Feinseife. Sie hatte es bei einem fliegenden Händler gekauft und benutzte es nur für die gründliche Reinigung ihres Geschlechts. Wieder und wieder drehte sie die Seife zwischen ihren Händen, bis ein zarter Rosenduft in der nach ausgebratenem Speck und Zwiebeln stinkenden Küche erzitterte. Breitbeinig hockte sie sich dann über einen Holzeimer voller Wasser und fuhr sich mit ihren duftenden Fingern zwischen die Beine. Während ihr Vater mit verdrehten Augen in seinem Sessel schnarchte, schäumte ihr Schamhaar. Mit flatternder Hand scheuerte und rieb sie sich, bis die Seife in ihren Öffnungen prickelte und ihr Atem vor Lust und Anstrengung immer schneller ging. Dann spülte sie sich hastig ab und eilte mit weichen Knien die Treppe nach oben, um sich über Karl herzumachen, der nach Schweiß und Tieren roch. Wie ein gefällter Baum lag er reglos im Bett. Er schlief den tiefen, verdienten Schlaf des Bauern, der den ganzen Tag hart an frischer Luft gearbeitet hatte, und es dauerte seine Zeit, bis Hille ihn wach bekam. Unwillig regte er sich.

»Was willst du?«, fragte er ärgerlich, doch die Art und Weise, in der sie sich an ihm zu schaffen machte, war ihm Antwort genug.

Karl hatte bald genug von Hilles Trieben. Sie lauerte ihm im Stall auf, wartete hinter dem Klohäuschen, kam ihm bis weit aufs Feld hinterher. Immer war ihr Gesicht vor Lust entstellt, und sie verströmte einen strengen, eigenen Geruch, der stärker war als der seifige Rosenduft zwischen ihren Beinen. Karl war gereizt und voller Wut. Er hätte lieber einen gefegten Hof und saubere Ställe gesehen als ein immerzu geiles Weib, das bei jeder Gelegenheit die Röcke hob. Der stinkende Hühnerstall, der schlampig geführte Haushalt, die zwei jüngsten Kinder, die nächtelang schrien, das Tuscheln der Leute im Dorf, all das ging Karl unsäglich auf die Nerven.

Als er eines Abends ein hart gekochtes Ei in der Mitte durchbiss, kam ein winziges gekrümmtes Küken zum Vorschein, das ihm einen fürchterlichen Augenblick lang aus dem Mund hing. Die Mädchen schrien vor Entsetzen und starrten auf das unfertige Geschöpf mit seinem bleichen Schnabel und den schwarzen Augen, das zwischen den gebleckten Zähnen ihres Vaters pendelte. Karl spuckte den toten Embryo auf den Teller und erhob sich mit düsterem Gesicht. Langsam kam er um den Tisch herum. Es war sehr still in der Küche, und deutlich waren die zwei klatschenden Ohrfeigen zu hören, die Hille auf den Wangen glühten wie Feuermale.

Ilse als die Älteste musste von Anfang an auf dem Hof mitarbeiten. Ihre Aufgabe war es, den Hühnern Körner und Küchenabfälle hinzuwerfen und die beiden sanftmütigen Kühe auf die Wiese zu führen, weißbraun gescheckte freundliche Wesen mit großen klaren Augen. Ilse riss sich darum, das Melken zu erlernen, und lag ihrem Vater so lange in den Ohren, bis er eines schönen Herbsttages befahl: »Nimm dir Eimer und Schemel, und geh zu den Kühen auf die Wiese, Mädchen.«

»Ilse sollte lieber lernen, den Schweinestall auszumisten«, meinte Hille, als sie sah, wie sehr sich das Kind über die Aufforderung seines Vaters freute.

»Komm«, sagte Karl und verließ das Haus.

Es war das erste Mal, dass Ilse ein warmes Gefühl für ihren Vater verspürte. Sie wollte ihre Hand in die seine legen, aber er kam sich albern vor, ein kleines Mädchen an der Hand zu führen. Stattdessen nahm er ihr schnell den Melkschemel ab, mit dem sie sich abmühte und der immer wieder gegen den Eimer stieß, den sie sich in die Armbeuge gehängt hatte.

»Das sind gute Kühe«, sagte Karl. »Sei du auch gut zu ihnen. Sprich mit ihnen immer ruhig, pack die Zitze fest, aber nicht grob. Es geht ganz leicht, schau.«

Er stellte den Eimer auf die rechte Seite der Kuh, tätschelte ihre Flanke und begann zu melken. Ilse schaute ihm bewundernd zu. Sie lernte schnell und hatte bald kräftige Hände wie stählerne Zangen. Nichts liebte sie so sehr, wie das morgendliche und abendliche Melken ihrer beiden Kühe. Es war das erste Geschenk, dass ihr Vater ihr in ihrem Leben gemacht hatte.

Immer wenn sie ihren Kopf gegen die warme Flanke des mächtigen Tiers presste, fühlte sie sich geborgen und getröstet. Sie genoss den Duft der warmen Milch, die in den Eimer spritzte, hörte tief im Innern der Kuh Eingeweide rumoren und spürte rechtzeitig, wenn das Tier seine Muskeln anspannte, um einen Schritt zur Seite zu gehen. Dann ermahnte sie es sanft und hielt schnell den Eimer fest.

Während Hille den Schweinestall ausfegte, zerbrach sie sich darüber den Kopf, wie sie es anstellen könnte, Ilse die Melkarbeit wieder abzunehmen, ohne sich Ärger mit Karl einzuhandeln, denn er war mit der Arbeit seiner Tochter sehr zufrieden. Fluchend schaufelte sie den Schweinekot in eine Schubkarre. Als die trächtige Sau sie feindselig angrunzte, schlug sie ihr mit dem Besen auf den Kopf.





Das Gras auf den Wiesen wurde mager, die Tage kürzer. Es gab viel Arbeit. Kartoffeln und Rüben mussten ausgegraben werden. Karl brachte viele Tage damit zu, sein Weizenfeld mit der Sense zu bearbeiten und die Halme zu Garben zu bündeln. Hille weckte Früchte ein und kochte Marmeladen. Zwei alte Frauen aus dem Dorf halfen ihr dabei. Die Kinder tobten in dieser Zeit unbeaufsichtigt über den Hof, bis auf Ilse, die den Frauen beim Einlegen von Sauergemüse helfen musste und dafür unzählige Zwiebeln schälte und Blumenkohl auseinander pflückte. Mit halbem Ohr lauschte sie dem Geschwätz der tratschsüchtigen Weiber. Hille gab sich fröhlich, schenkte Kaffee und süßen Likör aus und tischte Apfelkuchen auf. So freundlich war sie zu Karl und den Kindern nie. Kuchen buk sie nur an Festtagen und häufte sich selbst die größten Stücke auf den Teller.

»Die Frau vom alten Boldt hat eine Tochter bekommen«, sagte eine der Frauen.

»Aber ob's die Tochter vom Boldt ist ...?«, fragte die andere, die gekochte Rote Bete schälte. Der dunkelrote Saft lief ihr bis zu den Ellbogen und tropfte von dort auf den Fußboden. Hilles Vater hatten sie nach draußen geschleppt und ihn ungefragt auf eine Bank in die Nachmittagssonne gesetzt. Seinem blinden Blick konnten die Frauen nicht standhalten, und seinen Ohren trauten sie nicht.

»Ilse ist eine sehr gute Melkerin«, sagte Hille. Die beiden alten Weiber nickten anerkennend. Ilse horchte auf. Sie fühlte sich unwohl, noch nie hatte Hille sie gelobt. Irritiert schaute sie zu ihrer Stiefmutter. Es war erstaunlich zu beobachten, dass Hille ein Lächeln noch hässlicher machte. Ihre Mundwinkel zogen sich dabei nach unten und gaben ihr einen mürrischen, spöttischen Gesichtsausdruck. Um die Nasenwurzel bildete sich eine steile Falte, die Nase schien zu wachsen, doch Hilles Augen blieben unverändert hart und starr. In diesem Moment erschien Käthe in der Küche, die kleine Lotte an der Hand. »Karlchen ist weg«, sagte sie ruhig und reckte ihr Kinn in die Höhe.

»Hübsche Mädchen sind das«, meinte die Frau mit der Roten Bete. Die andere nickte.

»Karlchen ist weg«, wiederholte Käthe.

Hille erhob sich drohend. »Du solltest auf ihn aufpassen!«, schrie sie.

Käthe hielt Lottes Hand so fest, dass sie blau anlief. Auf einmal machte die plumpe, ungelenke Hille einen katzenhaften Satz, den man ihr gar nicht zugetraut hätte, und fiel fluchend über die beiden Mädchen her, riss sie an den Haaren und schlug sie mit der flachen Hand ins Gesicht. Rote-Bete-Saft blieb auf den glühenden Wangen der Kinder haften und vermengte sich mit Tränen. Ilse, die Käthes Botschaft längst gedeutet hatte, sprang die Steinstufen nach draußen.

»Sucht ihn lieber«, schrie sie, »sonst ist es zu spät!«

Wie ein tobender Stier mit Schaum vor dem Mund raste Hille in den Hof.

»Wo ist er?«, kreischte sie. »Wo?«

Die beiden Dorffrauen kamen mit geschürzten Röcken hinterhergelaufen. Während sich Ilse, Käthe und Lotte an den Händen hielten und schweigend einen Kreis bildeten, suchten die drei Frauen klagend nach dem vermissten Karlchen. Schließlich fanden sie ihn – er war dabei, in der mit Kuhmist gefüllten Sickergrube zu ertrinken. Hille packte seinen versinkenden blonden Schopf und zog ihn mit einer blindwütigen Bewegung zu Tage. Ächzend presste sie ihren stinkenden, sich verzweifelt windenden, hustenden Sohn an die Brust. Dann drehte sie sich um und kreischte in die Richtung der Mädchen: »Das werdet ihr bereuen, ihr seid alle drei Mörderinnen! Das werde ich euch heimzahlen!«

Da nahm sich Ilse vor, Karlchen nie wieder das Leben zu retten und dem Schicksal in Zukunft seinen Lauf zu lassen.

Am nächsten Tag schickte Hille Ilse mit ihrem Vater aufs Feld. Als sie am späten Nachmittag müde wiederkamen, da hatte der Schlachter die beiden Kühe schon abgeholt, und der Ziegenwirt brachte gerade vier meckernde Ziegen. »Was ist hier los?«, donnerte Karls Stimme über den Hof.

»Ich habe die alten Kühe gegen vier Ziegen eingetauscht«, sagte Hille.

Für einen Moment sah es so aus, als wollte Karl sie totschlagen, aber nach dem ersten Hieb hielt er inne.

»Ich will meine Kühe wiederhaben!«, brüllte er und trat nach Hille.

Der Ziegenwirt hielt ihn am Arm zurück.

»Deine Frau hat nicht Unrecht«, versuchte er ihn zu besänftigen. »Ziegen fressen fast alles und geben feine Milch.«

Da versetzte Karl auch dem Ziegenwirt einen Schlag, woraufhin der schnellstens den Hof verließ. Die drei Mädchen hielten sich eng umschlungen. Als Karlchen versuchte in ihre Mitte zu gelangen, stießen sie ihn weg. Gebannt beobachteten sie, wie Karl seine ängstlich kreischende Frau vor sich herscheuchte.

»Komm mit meinen Kühen wieder oder gar nicht!«, brüllte er.

Ilses Trauer wich augenblicklich einem Gefühl außerordentlicher und unbändiger Freude, als sie die geschlagene Hille vom Hof humpeln sah. Sie drückte die Hände ihrer Schwestern und lächelte.

Nach einer Woche kam Hille wieder nach Hause und bettelte um Gnade. Sie kniete vor ihrem verlegenen Ehemann nieder und rang die Hände. Unterdessen war in ihrem Eileiter des Schlachters Samen auf ein äußerst fruchtbares Ei gestoßen, das sich bereits mehrmals geteilt hatte und dabei war, sich in ihrer Gebärmutter einzunisten. Mit einer ungehaltenen Handbewegung schickte Karl seine heimgekehrte Frau zum Essenmachen in die Küche und ging zurück in den Schweinestall, um nach seiner trächtigen Sau zu sehen, die seit Tagen leichtes Fieber hatte und nicht mehr fraß.

Ilses Lächeln erlosch.

Die Ziegen waren bösartige, tückische Tiere mit verrückten Augen, die sich nicht melken ließen und immer wieder ausrissen. Sie sprangen über die Zäune oder krochen darunter hindurch. In einer verhängnisvollen Nacht verwüsteten sie den Obstgarten, kletterten in die Apfelbäume und knabberten sie in wenigen Stunden zu Tode. Ihr Meckern klang wie Hohngelächter. Noch im Morgengrauen erschlug Karl alle vier Tiere. Ilse, die ihm reglos dabei zuschaute, hoffte, er würde es eines Tages auch mit Hille tun. Dann gingen die beiden zu Fuß zum Viehmarkt in Kirschdorf und kauften mit den letzten Ersparnissen zwei neue Kühe.

Nicht der so lange ersehnte Sohn Karlchen, sondern Ilse wurde Karls Liebling. Dem blassen, schmächtigen Jungen mit dem großen Kopf konnte er nicht viel abgewinnen, und seine Weinerlichkeit ging ihm auf die Nerven. Als die fette Sau nach genau drei Monaten, drei Wochen und drei Tagen ihre Ferkel warf, weckte er Ilse mitten in der Nacht und nahm sie mit in den Stall. Im fahlen Licht der Stalllaterne beobachteten Vater und Tochter, wie aus der angeschwollenen Scheide der Sau eine enorme Wasserblase erschien. Danach folgte das erste Ferkelchen. Noch ganz in seine Eihaut gehüllt, erschien es dem Bauern Karl wie ein Geschenk. Die alte Sau stöhnte leise in den Wehen, als schon das nächste Tierchen kam. Nach einer Stunde war es geschafft. Fünf gesunde Ferkel waren problemlos zur Welt gekommen. Ilse entfernte vorsichtig die Eihäute und legte die kleinen Schweine an das Gesäuge ihrer Mutter. Karl säuberte den Stall und streute den Boden neu ein. Dann sahen sie sich stolz an, wuschen schweigend ihre Hände unter der Pumpe im Hof, warfen einen letzten gemeinsamen Blick in den kühlen, weiten Sternenhimmel und gingen zu Bett.

Wenn Karl einem Huhn den Kopf abhackte, stand immer Ilse neben ihm, bereit, den Vogel zu rupfen und auszunehmen. Rief Hille quer über den Hof zu Tisch, kamen die Mädchen erst, wenn ihr Vater schon Platz genommen hatte, und nach der bescheidenen Mahlzeit flogen sie Hand in Hand wieder hinaus, versteckten sich stundenlang im Heu oder spielten im Wald. Manchmal stritten sie sich heftig, dann zerkratzten sie sich die Gesichter und wälzten sich ineinander verkrallt fauchend und beißend über den Hof. Wenn Hille in der Nähe war, schlug sie so fest sie konnte mit einem Holzlöffel oder Besenstiel auf dieses Gewirr sich prügelnder kleiner Mädchen ein, was immer dazu führte, dass der Streit augenblicklich beendet war und die Schwestern kreischend davonliefen. Sehnsüchtig blickte Karlchen ihnen hinterher. In seiner Einsamkeit begann er zu singen. Es waren nicht enden wollende monotone Melodien, die er summend und brummend von sich gab. Oft saß er neben dem stillen Großvater in der Küche und beobachtete seine immer dicker werdende Mutter beim Gemüseputzen. Hille brabbelte leise vor sich hin, erzählte den Kartoffelschalen von der himmelschreienden Ungerechtigkeit, die ihr auf diesem Hof widerfahre, davon, dass ihr Mann nicht zu ihr spreche und sie seit Wochen nicht mehr angerührt habe und dass die Mädchen tückische kleine Luder seien, die ihr nur Unglück gebracht hätten. Während draußen die ersten Herbststürme brausten, herrschte in der warmen Küche ein merkwürdiger Singsang, unterbrochen vom lauten Knacken des Küchenherds, das den taub geglaubten Großvater jedes Mal zusammenzucken ließ. Nur Karlchen bemerkte des Großvaters Erschrecken und nahm es fraglos hin, wie er so viele andere Geschehnisse in seinem Zuhause einfach hinnahm und nicht weiter darüber nachdachte. Er war noch ein sehr kleiner Junge, der bereits gelernt hatte, dass vieles nicht so war, wie es schien.





Zauberwald nannten die drei Mädchen das Waldstück, das nur aus kleinen Eichen und Birken bestand und dessen Boden ein welliges Meer aus hellgrünem Moos war. Im Sommer irrten Sonnentupfen wie übermütige Kobolde darauf herum, und im herbstlichen Morgenlicht schwebten dichte weiße Nebelschleier, durch die die Mädchen mit einem fleckigen blauen Seidentuch tanzten. Sie hatten es in Hilles Nachttischschublade entdeckt. Auch eine vergilbte Perlenkette lag darin und eine goldene Taschenuhr. Bis auf zwei umhäkelte Taschentücher nahmen sie diese Dinge mit in den Wald, schmückten sich damit und versteckten sie dann in einem hohlen Baum.

Im Sommer hatten sie einmal einen Mann und eine Frau beobachtet. Erst sah es aus, als würden sie miteinander kämpfen, aber dann erkannte Ilse, dass sie genau das taten, was der Eber mit der Sau getan hatte. Ihr wurde klar, dass auch ihr Vater mit Hille so etwas gemacht haben musste, und sie schämte sich für ihn.

Wenn Hille sich nach dem Mittagessen auf ihr Bett legte, die ungewaschenen Hände auf dem Bauch gefaltet, überließ sie Karlchen sich selbst. Er machte sich auf, die Mädchen zu suchen. Singend lief er über den Hof in die Ställe, öffnete die Tür zum Hühnerhaus und ging schließlich in den Wald. Er wusste, dass die Mädchen meistens dort waren, denn er hatte ihre Gespräche belauscht, wenn sie nachts gemeinsam im Kinderzimmer lagen, Karlchen allein in einem Bett, die Mädchen in dem anderen. Er wusste auch, dass sie einen Schatz hatten, der in einem hohlen Baum war, und er hatte mit angehört, dass die Schwestern Fliegenpilze sammelten und auf dem Dachboden trockneten. Sie planten seine Mutter eines Tages damit zu vergiften.

Summend lief Karlchen durch den Wald, wohl wissend, dass er seine Schwestern nicht zu rufen brauchte, denn sie würden sowieso nicht kommen. Was er nicht ahnte, war, dass sie ihn jedes Mal lautlos umkreisten. Wie unsichtbare Waldwesen glitten sie barfuß über das weiche Moospolster, spielten mit ihm, ohne dass er es bemerkte, näherten sich ihm bis auf wenige Meter, hielten sich hinter den Baumstämmen verborgen und lauschten seinem traurigen Gesang.

Dass Karl nicht der Verursacher von Hilles sich blähendem Bauch war, wusste nicht nur er, sondern das ganze Dorf. Hinter seinem Rücken wurde getuschelt, die Männer lachten heiser, wenn er vorüberlief. Karl ging am Sonntag nicht mehr in den Dorfkrug, weil er sich seiner aufgesetzten Hörner zu sehr schämte. Er dachte in diesen Zeiten wieder oft an seine sanfte Emilie, die sich aus dieser Sache sowieso nicht viel gemacht hatte. Sie hatte alles über sich ergehen lassen und sich schamvoll unter den Decken verborgen. Karl hatte nie erfahren, wie ihr Geschlecht aussah. Hilles hingegen kannte er ganz genau, so oft hatte sie es ihm zu jeder Tages- und. Nachtzeit hingehalten. Seitdem Hille schwanger war, schien ihre Lust nur noch zu wachsen. Jeden Abend öffnete sie Karl schwer atmend die Hose und ließ sich auf ihm nieder, bis er sie wieder runterstieß.

»Du läufige Hündin!«, schrie er sie an. »Glaub nicht, dass ich den Kuckuck durchfüttere!«

Befriedigt drehte sich Hille auf die Seite und schlief ein. Eine Zeit lang verprügelte Karl sie in seiner Hilflosigkeit und beschimpfte sie mit den übelsten Ausdrücken, die über den Hof schallten und die die Kinder begierig in ihren Wortschatz aufnahmen.

Nach einem nicht enden wollenden dunklen Winter hatte der Frühling nicht nur rote Tulpen, ein neues Kälbchen und zahlreiche Küken auf den Hof gebracht, sondern auch den Wahnsinn. Den Verstand hatte Hille in der Nacht verloren, als sie ein halb totes kleines Mädchen geboren hatte. Es war ein überirdisch schönes Geschöpf mit großen strahlenden Augen gewesen. Hille hatte es in drei schweren Stunden ganz allein geboren. Bis auf einen lang gezogenen, tiefen Ton, der endlich in einem erlösenden Schrei mündete, war im Haus nichts zu hören. Karl hatte die Hebamme erst zum Abnabeln holen dürfen, weil Hille sie nicht leiden konnte und ihr immer noch vorwarf, dass Karlchen bei seiner Geburt einen hässlichen blauen Kopf gehabt hatte.

»Das Kind ist viel zu früh«, schimpfte die Hebamme, als sie einen Blick auf den sterbenden Engel geworfen hatte. »Es kann nicht atmen.«

Hille riss die Kleine an sich.

»Garstige Hexe«, schrie sie, »du gönnst mir meine Kinder nicht, jedes machst du schlecht!«

Die Hebamme schüttelte traurig den Kopf. »Siehst du nicht, dass dein Mädchen nicht fertig ist? Seit wann hast du die Wehen gehabt?«

»Letzte Woche«, knurrte Hille und verschwieg, dass sie auch Wasser verloren hatte. Die alte Frau rechnete kurz nach. Dann sagte sie nichts mehr. Sie nabelte das Kind ab und gab es der Mutter in den Arm.

»Wird schon noch werden«, sagte Hille laut, doch die Hebamme gab ihr ein Zeichen zu schweigen und öffnete das Fenster, damit die kleine Seele in den Himmel fliegen konnte. Als Hille in das Gesicht ihrer Tochter sah, das fein und zart war, wie aus Marzipan geformt, blickten die großen dunkelblauen Augen sie starr an. Noch bewegte sich ein Händchen, als wollte es zum Abschied winken.

»Lass sie in Frieden sterben«, sagte die Hebamme leise und traurig, obwohl sie schon so viele Kinder hatte sterben sehen. »Und gib ihr noch schnell einen Namen.«

»Raus hier«, brüllte Hille, »meine Tochter stirbt nicht! Raus, alte Hexe!«

Das kleine Mädchen zuckte vor Schreck zusammen, und noch bevor die Hebamme das Haus verlassen hatte, war es tot.

Hille heulte drei Tage und drei Nächte lang. Niemand konnte ihr den kleinen Leichnam aus den Armen nehmen. Erst als Karl sich in der dritten Nacht hereinschlich und sie festhielt, konnte der Doktor der Tobenden eine Spritze geben, die sie in einen tiefen Schlaf fallen ließ. Das tote Kind begruben die beiden Männer hinten im Obstgarten unter einem kleinen Walnussbaum und rollten zwei schön gemaserte Feldsteine auf das Grab.

»Mach dir nichts draus«, sagte der Arzt. »War ja sowieso nicht deins.«

Karl nickte. Dann gingen sie in das übel riechende Haus zurück, in dem noch blutverschmierte Laken herumlagen, an denen Plazentareste hingen. Auch des Großvaters verschmutzte Hosen hatte keiner gewechselt. Jammernd saß der Alte auf seinem wunden Hintern.

»Das kann ja wohl Ilse erledigen«, meinte der Arzt und machte sich auf den Heimweg.

Aber Ilse war schon lange nicht mehr in ihrem Bett. Hilles Geheule und der Gestank im Haus hatten sie und ihre Schwestern vertrieben. Lautlos waren sie im Schein des Mondes zur Scheune geschlichen und hatten ein Nest im Heu gebaut. Wie drei junge Hunde schmiegten sie sich aneinander, hörten die beruhigenden stampfenden und schnaubenden Geräusche aus dem Viehstall und lauschten verzückt dem perlenden Gesang eines Nachtvogels. »Tri-tri-tri-tingtingting«, klang es so lieblich und angenehm, dass die Kinder lange schwiegen. In weiter Ferne hörten sie Hille weinen.

Von hier oben hatten sie auch die bescheidene Beerdigung beobachtet, sahen ihren Vater ins Haus gehen und den Widerschein einer flackernden Kerze in der Küche. Sie rührten sich nicht in ihrem Versteck und schliefen bis zum Morgengrauen tief und fest.

Als Ilse noch schlaftrunken die Kühe melken ging, begleiteten sie ihre Schwestern. Mitten im Hof trafen sie auf Hille, die gerade den Leichnam ihrer Tochter wieder ausgegraben hatte und wie tollwütig mit einer Axt auf die Mädchen zulief. Der Melkeimer fiel scheppernd zu Boden, und die Schwestern rannten kreischend auseinander. Lotte stolperte, kam nicht schnell genug wieder auf die Beine, und im nächsten Augenblick stand Hille über ihr und schlug mit der Axt zu. Mit gefletschten Zähnen holte sie erneut aus. Als die Axt hoch über ihrem Kopf schwebte, bereit, ein zweites Mal auf das hilflos am Boden liegende Kind niederzusausen, traf Hille ein Stein an der Schläfe. Böse knurrend drehte sie sich um. Da klatschte ihr ein Kuhfladen mitten auf die Stirn. Ilse hatte gut gezielt und bückte sich, um noch etwas zu werfen. Käthe hockte mutig neben ihr und sammelte Steine in ihrer Hand, die sie dann mit all ihrer Kraft gegen die Stiefmutter schleuderte.

Hilles Gebrüll war bis zum Dorf zu hören. Schnell machten sich einige Bewohner auf den Weg. Sie sahen, wie die verrückt gewordene Bäuerin Reckenzien mit hoch erhobener Axt zweien von Karls Töchtern hinterherlief und die dritte leblos in ihrem eigenen Blut auf dem Hof lag. Zwei kräftige Burschen rannten los und folgten der tobenden Frau ins Haus. Sie hörten Axthiebe tief in das helle Eichenholz der Treppenstufen dringen und von oben entsetztes Kindergeschrei. Kurz bevor Hille ihre Stieftöchter Ilse und Käthe ermorden konnte, hatten die beiden jungen Männer sie gepackt und ihr die Axt aus den blutigen Händen gerissen. Voller Verachtung stießen sie das übergeschnappte Weib vor sich her, die Treppe hinunter, durch die Wohnküche, in der der Großvater unruhig in seinem eigenen Unrat saß, bis nach draußen auf den Hof. Dort hatten sich die Frauen ratlos und jammernd um das still daliegende Kind gescharrt, aus dem helles Blut floss.

Ausdruckslos starrte Hille zu Boden. Reste des Kuhfladens klebten noch auf ihrem Gesicht und hatten ihre Nasenlöcher verstopft. Die Frauen beschimpften Hille lautstark und stießen sie hin und her. Eine spuckte sie an, doch Hille hielt den Kopf gesenkt. Ihre großen Hände hingen kraftlos hinunter.

Lotte schwebte über den Hof. Sie fühlte sich so leicht und sah ihre Schwestern Hand in Hand auf die aufgebrachte Menschenmenge zukommen. Es wurde ihnen Platz gemacht. Weinend knieten sie neben der dort unten liegenden Lotte nieder. Im Stall hielt sich Karlchen zwischen den Kühen verborgen, und gerade kam Karl herbeigerannt. Er schrie etwas, doch Lotte konnte es nicht mehr verstehen. Wie Musik hörte sie die Stimme ihrer Mutter und wandte den Blick von all den Menschen und der Aufregung ab. Warmes Licht schien hier oben, ihre schöne Mutter rief leise ihren Namen, immer wieder, immer wieder, und als sie ihr glücklich in die Arme fallen wollte, wurde es plötzlich kalt und dunkel. Die Mutter mit dem langen offenen Haar war fort, und ihr Kind fiel und fiel, hörte seinen Namen nicht mehr, nur Geschrei und lautes Weinen.

Unter Schmerzen öffnete Lotte die Augen.

Es war die alte Hebamme, die der sterbenden Lotte den verletzten Kopf in feste Tücher gewickelt hatte. Dann ließ sie sie von ihrem Vater ins Haus tragen und schickte nach dem Doktor. Lotte wurde nach oben ins Kinderzimmer gebracht, wo die weise Frau ihr gepulverte Natterwurzel in die tiefe Wunde streute und Wolferlei in Zuckerwasser zu trinken gab.

»Jetzt müssen wir auf den Herrgott vertrauen.« Zärtlich deckte sie das schwer verletzte Kind, das schon wieder die Besinnung verloren hatte, zu.

Die Schwestern bewachten Lottes Krankenlager Tag und Nacht. Sie wichen nicht von ihrer Seite, malten Bilder und sangen an ihrem Bett. Sie brachten ihr Steinchen und Blumen. Nur den Vater und die Hebamme ließen sie in das Zimmer. Wenn Hille hereinkommen wollte, stellten sie sich breitbeinig in den Weg, pumpten ihre Lungen voller Luft und schrien so schrill und ausdauernd, dass es unerträglich war. Sich die Ohren zuhaltend, polterte Hille die Treppe nach unten zurück.

Die Frauen im Dorf hatten sich untereinander abgesprochen. Jeden Tag erschien eine andere, die eine warme Mahlzeit kochte oder ein Brot buk, nach dem Großvater und Karlchen sah und zu den drei Schwestern vorzudringen versuchte. Die Frauen legten Kuchenstücke und Zuckerlinsen vor die Zimmertür, mit Kirschkernen gefüllte Püppchen und gebastelte Tierchen aus Stroh. Sie sprachen durch das Schlüsselloch, schmeichelten den Kindern, schimpften sie, doch eine nach der andern musste ohne Antwort erhalten zu haben wieder nach unten in die Wohnküche gehen, wo Hille neben ihrem stinkenden Vater saß und mit zuckendem Gesicht vor sich hin stierte. Aus ihren Augen glomm der gelbe Wahnsinn, und aus ihrem hässlich verzogenen Mund sickerten Verwünschungen, wenn sie ihn öffnete. Karl machte einen großen Bogen um seine Frau. Er blieb dem Haus fern, so lange es ihm möglich war.

Die Hebamme verabreichte Hille genau berechnete Dosen vom hochgiftigen Stechapfel, der eine beruhigende, narkotische Wirkung hatte. Bald wurde Hilles Blick stumpf, und ihr Mund verstummte.

Im Laufe der Wochen, in denen Lotte längst genesen war und die drei Mädchen schon wieder Hand in Hand über die Wiesen in den Zauberwald liefen, erschien langsam ein neuer Ausdruck in Hilles finsterem Gesicht, und als Karl eines Abends in die Küche trat, hob sie ihre Röcke bis unter die Nase, legte sich auf den Küchentisch und spreizte die Beine. Der Großvater guckte starr geradeaus, und alles schien wie immer.

Als die ersten Efeuranken bis an die oberen Fenstersimse reichten, musste Ilse in die Schule. Ihre Schwestern begleiteten sie bis vor das Schulhaus, das im Nachbardorf lag und zu Fuß in einer halben Stunde zu erreichen war. Dazu mussten die Kinder auf der einzigen Straße bleiben, die quer durch ihr Dorf führte, sich durch finstere Tannen schlängelte und über Wiesen, bis sie im Nachbardorf mündete. Es machte den Mädchen nichts aus, weit zu laufen. So hatten sie wenigstens ein Ziel und waren nicht Hille und ihrem stechenden Blick ausgeliefert. Wenn Ilse nach zwei oder drei Stunden wieder aus dem Backsteinhaus herauskam, warteten ihre Schwestern immer noch auf sie. Sie hatten die Umgebung erkundet oder waren einfach auf den Stufen sitzen geblieben, hatten Moos aus den Backsteinfugen gepult und sich Geschichten erzählt.

Ilse war eine fleißige Schülerin. Wie schon früher das Melken, brachte sie ihren Schwestern sofort das neu Erlernte bei. So kam es, dass Lotte mit knapp vier Jahren lesen und schreiben konnte. Sie schrieb ihren Namen immer und immer wieder. In die Erde malte sie ihn, in Äpfel ritzte sie ihn, in die Luft tanzte sie ihn. Im Zauberwald gab es fast keine Eiche, die nicht ihren Namen trug. Auf ihre Haut schrieb sie ihn überall mit duftender schwarzer Tinte – »Lotte« auf die Oberschenkel, »Lotte« auf den Bauch.

Mit der Zeit wurden die Mädchen zu unerzogenen, verwilderten Geschöpfen, deren Haar verfilzte und die durch das Dorf huschten, jede offene Tür nutzend, um sich im Innern des Hauses seelenruhig umzusehen.

»Sie sind wie räudige kleine Katzen«, schimpften die Frauen, wenn sie sie aus ihren Vorratskammern scheuchten. Doch die eine oder andere steckte ihnen Butterbrote oder ein Wurstende zu, denn jeder wusste, dass die Kinder nicht gut versorgt wurden. Hille hatte zwar ihr bisschen Verstand wieder beisammen, aber ihre Abneigung gegen die Stieftöchter zeigte sie nur zu deutlich. Was die Frauen aus dem Dorf nicht wussten, war, dass die Mädchen nicht nur so leise schleichen konnten wie Katzen, sondern auch so diebisch waren. Von dem Wurstende, das sie hier und dort erhielten, besaßen sie schon lange den dazugehörigen anderen Teil. Sie hatten sich Vorräte angelegt, und es war ihnen egal, wie wässrig Hilles Kartoffeln, wie grau ihre Erbsen waren. Wenn Hille endlich aufgehört hatte über dem Wassereimer zu hocken und sich zwischen den Beinen zu schrubben, wenn kein Stöhnen und Keifen mehr aus dem elterlichen Schlafzimmer drang, verließen drei kichernde Mädchen das Haus. Sie huschten über den Hof und erklommen behände den Heuschober, wo sie ihr ausgiebiges Mitternachtsmahl zu sich nahmen. Karlchen folgte ihnen manchmal bis an die Küchentür, wagte sich aber nicht weiter in die Finsternis. Er wunderte sich, wie seine Schwestern da draußen überhaupt etwas sehen konnten, und fragte seinen Großvater, der im roten Schein der offenen Ofenklappe döste.

»Sie sind kleine Hexen«, antwortete der alte Mann mit schwacher Stimme. Dann lachte er rau, verschluckte sich und sagte nichts mehr. Nach einer Weile schlich sich Karlchen wieder nach oben in das leere Kinderzimmer, wo er sich summend in sein Bett legte und irgendwann traurig einschlief.

Eines Tages bemerkte Hille, dass die goldene Uhr ihres Vaters und die Perlenkette ihrer Mutter nicht mehr in ihrer Nachttischschublade lagen. Als Ilse mit ihren Schwestern aus der Schule kam, stürzte sich Hille auf die Mädchen. Sie riss die Hände, an denen sie sich hielten, auseinander und drückte Ilse mit aller Kraft gegen den heißen Küchenherd.

»Ihr Diebe!«, rief sie. »Wo ist mein Schmuck?«

Die Hitze des Herds wurde immer schmerzhafter. Ilse schnappte nach Luft, schaffte es aber, nicht zu schreien.

»Sag es mir sofort, oder ich sperre dich drei Tage lang in die Vorratskammer!«, brüllte Hille in ihr Ohr, doch Ilse schwieg. Bevor Hille ihre erhobene Faust auf das Mädchen niederschmettern konnte, hatte Käthe sich auf die Zehenspitzen gestellt und nach der schweren verbeulten Kaffeekanne gegriffen, die brodelnd auf dem Herd stand. Ohne einen Moment zu zögern oder auch nur einen Tropfen zu verschütten, kletterte sie damit auf einen Küchenstuhl und goss die Kanne genau über Hilles Kopf aus. Ein ohrenbetäubender Schmerzensschrei drang bis in den Hühnerstall, in dem ein Huhn vor Schreck sein Ei nicht mehr legen wollte. Dampfender Kaffeesatz lief Hille über das Gesicht, und die heiße Flüssigkeit verbrühte ihre Haut. Ilse nutzte die Gelegenheit zur Flucht, Käthe sprang johlend vom Stuhl, und im Rauslaufen bekamen die Mädchen noch kurz den belustigten Gesichtsausdruck des Großvaters mit.

Vier Tage und drei Nächte blieben sie weg. Barfuß, wie sie waren, hielten sie sich im Wald versteckt. Der Vater und ein paar Männer aus dem Dorf machten sich auf die Suche. Sie riefen ihre Namen, die traurig in den Bäumen widerhallten und ungehört auf den Weiden verklangen. Eine Kuh hob gelangweilt den Kopf, ein Vogel schreckte auf und zeterte, eine Maus schlüpfte in ihr unterirdisches Labyrinth zurück. Mehr geschah nicht. Die Mädchen blieben unauffindbar. Lachend sonnten sie sich auf warmen Findlingen wie auf den Rücken versteinerter Schildkröten und saßen auf blaugrauen Walen, die aus dem grün schäumenden Moosmeer ragten. Es war junger Sommer.

Wenn ihnen die Mägen knurrten, schlichen sie sich im Dämmerlicht ins Dorf und stiegen in offene Fenster ein. Begleitet vom Abendgesang einer Amsel, nahmen sie leise Brot und Käse aus den Speisekammern, die sie so gut kannten. Die Wachhunde in ihren Zwingern beobachteten das lautlose Kommen und Gehen, doch mehr als ein schwaches Schwanzklopfen gaben sie nicht von sich. Zu oft hatten sie die Mädchen schon gesehen und jedes Mal einen guten Happen zugesteckt bekommen. Kleine Hände wurden arglos durch die Gitterstäbe geschoben, in ihnen Schinken- und Wurststückchen, und liebkosten nasse Hundeschnauzen.

Während ein zarter rosa Mond am hellen Himmel schien, aßen die Schwestern unter den Eichen, was sie gestohlen hatten, und als es finstere Nacht geworden war und sie frierend und zitternd nebeneinander im Laub lagen, planten sie Hilles Tod. Sie wollten sie wie die Hexe im Märchen in den Ofen schubsen oder ihr Zigeunerkraut und Judenkirschen unter das Essen mischen.

Auf Anraten der Hebamme machte sich Hille Umschläge aus zerstoßenen Zwiebeln und Hauswurz, die sie sich vorsichtig auf das verbrühte Gesicht legte. Die Zwiebeldämpfe trieben ihr Tränen in die Augen, doch der Schmerz ließ bald nach, und die Hitze wurde ihr aus der Haut gezogen.

Am Morgen des vierten Tages waren die Mädchen wieder da. Heitere Sonnenstrahlen drangen durch blühende Apfel- und Birnbäume. Fast hätten die Kinder sich gefreut, wieder zu Hause zu sein. Karlchen lief ihnen lachend entgegen, einige Hühner folgten ihm aufgeregt gackernd.

»Illa!«, rief er und überschlug sich fast vor Glück. Ilse strich ihrem atemlosen Halbbruder über den Kopf, was diesen selig machte. Als Hille die Küchenstufen herunterkam, zog sie schnell ihre Hand zurück und suchte stattdessen die Hände ihrer Schwestern.

»Karlchen«, brüllte Hille, »zu mir!«

Mit hängendem Kopf ging Karlchen zu seiner Mutter, die ihn grob packte und ihn sich auf die Hüfte setzte. Er schnupperte an ihrer roten Wange und verzog angewidert das Gesicht.

»Ilse in die Vorratskammer! Käthe in den Keller! Lotte in den Schweinestall!«, schrie Hille gellend und griff nach einem Besen, der an der Hauswand lehnte. Mit dem weinenden Karlchen auf dem Arm, scheuchte sie die Schwestern auseinander, jede in ihr Gefängnis. Dort wurden sie eingeschlossen. Befriedigt ließ Hille ihr Karlchen auf den Boden gleiten und machte sich in aller Ruhe daran, die Hühner zu füttern.

»Put, put, put«, lockte sie mit sanfter, freundlicher Stimme. Sie achtete nicht mehr auf ihren Sohn, der sich davongeschlichen hatte.

»Illa!«, rief Karlchen weinend und kniete sich neben die Vorratskammer. »Illa!«

Ilse konnte sich in der dunklen Kammer, die randvoll gefüllt war mit von ihr selbst eingelegtem Gemüse, kaum rühren. Sie fixierte den Lichtspalt unter der Tür wie einen Hoffnungsschimmer. Er gab ihr die Gewissheit, nicht begraben zu sein. Als sie Karlchen weinen hörte, schob sie ihre Finger so weit es ging durch den Türspalt und freute sich, als sie seine kleine warme Hand auf der ihren spürte.

Käthe saß fluchend hinter der verschlossenen Kellertür. Sie benutzte all die unflätigen Ausdrücke, die sie irgendwann aufgeschnappt hatte. Am liebsten murmelte sie: »Krepier, du räudige Hure!«

Das wiederholte sie viele Male. Dann stieg sie die steile Treppe hinab. Mit jeder Stufe wurde es dunkler um sie, aber sie fürchtete sich nicht.

»Räudige Hündin, dreckige Hure, geh mit deinem Kuckuck zur Hölle!«, rief sie wütend. Der Keller bestand nur aus einem winzigen Kämmerchen, in dem Holzscheite gelagert waren. Es gab eine Luke, die aber zu hoch war, um hinauszuschauen. Käthe hörte Hilles »put, put, put« und das aufgeregte Gegacker der Hühner. »Mörderin!«, schrie sie nach oben, ohne zu wissen, was es bedeutete.

Am besten hatte es Lotte im Schweinestall getroffen. Sie hockte auf der Stallmauer und beobachtete das Mutterschwein und die prächtig gewachsenen Ferkel. Zwei waren gleich nach der Geburt von der Sau erdrückt worden, doch die anderen waren stramme Tiere geworden und sollten bald verkauft werden. Lotte redete mit der Sau, erzählte ihr vom Zauberwald, in dem es nachts so kalt gewesen sei, dass sie und ihre Schwestern frierend in einen hohlen Baum gekrochen seien und geweint hätten. Sie berichtete, welcher Haushalt den besten Schinken mache, wo die Marmelade am süßesten sei und dass Frau Lewerentz den köstlichsten Streuselkuchen backe und im Besitz einer wunderschönen Glasvitrine sei, in der unzählige Porzellanvögel säßen.

Die Kinder schlichen sich bei jeder Gelegenheit in das Wohnzimmer Dort standen sie lange und andächtig vor der Vitrine und bewunderten die ausgestellten Kostbarkeiten – ein Kaffeeservice mit Blumenmuster, silberne Kerzenhalter, bauchige Vasen und dazwischen all die Spatzen, Adler und Hähne aus buntem Porzellan. Am allerschönsten fand Lotte einen in Regenbogenfarben schillernden Papagei, der sie mit schief gestelltem Köpfchen anblickte. Sie liebte ihn auf sonderbar sehnsüchtige Weise, denn er schien direkt aus einem Märchen in diese Vitrine geflogen zu sein.

Mit leiser Stimme erzählte Lotte der Sau, wie Männer nachts mit Fackeln durch den Wald gelaufen seien und immer wieder ihre Namen gerufen hätten. Lotte hatte geglaubt, die Stimme ihres Vaters herauszuhören.

Als Karl am späten Abend heimkam, freute er sich, dass seine Töchter wieder da waren, und befreite sie. Ilse hatte sich in der engen Kammer in die Hosen gemacht und weinte vor Scham.

Wortlos setzte Hille ihrem Mann einen Teller mit Bratwürsten und Kohl vor und goss Bier in einen Krug. Die Mädchen blickten gierig auf die Speisen.

»Die Kinder wollen auch essen«, brummte Karl und trank das Bier in großen Zügen.

»Sie haben es nicht verdient«, entgegnete Hille kalt. Sie zog Karlchen auf ihren Schoß, um ihn zu küssen, doch er wehrte sich heftig. Unwillig stieß sie ihn wieder runter.

»Gib ihnen was zu essen«, sagte Karl leise, was bedeutete, dass er jeden Moment losbrüllen würde.

Hille schüttelte den Kopf, doch bevor Karls Faust sie treffen konnte, hatte sie sich geduckt und war hinaus in den Hof gerannt.

»Komm nie wieder, fette Hure!«, schrie Käthe.

Karl trank langsam den zweiten Krug Bier aus. Dann stand er auf, holte umständlich Teller und Gabeln aus dem Küchenschrank und teilte die Würste zwischen sich und seinen Töchtern auf.

Mit diesen schlichten Bratwürsten, die nur mit Wacholderbeeren gewürzt und zu schwach gesalzen waren, eroberte sich Karl auf immer die Herzen seiner Töchter. Von diesem Tag an liebten sie ihn bedingungslos und voller Leidenschaft. Was er sagte, war die einzige Wahrheit. Wenn sie abends seine große Gestalt vor Müdigkeit ein wenig taumelnd auf dem Feldweg entdeckten, rannten sie ihm schreiend entgegen, und diejenige, die ihn als Erste erreichte, war die Königin des Abends.

Schweigend verspeisten Vater und Töchter die Würste mit Kohl. Die Mädchen tranken sogar von dem bitteren Bier. Als Karlchen an den Tisch kam, wollte ihn Lotte fortschubsen, doch Ilse fasste nach der kleinen Hand, die den ganzen langen, dunklen Nachmittag auf der ihren gelegen hatte, und steckte ihrem kleinen Halbbruder ein Stück Wurst in den Mund, welches er genussvoll und glücklich zu kauen begann.

Als die Zigeunerwagen auf der Dorfstraße Halt machten und der dicke Zigeunerkönig fragen ließ, ob sie ihr Lager auf der Wiese aufschlagen dürften, stimmte Hille sofort zu. Sie war dankbar für jede Abwechslung.

Acht bunt bemalte Wagen rumpelten wenig später über den Feldweg und hielten auf Karls Weidewiese. In den Mähnen der angespannten Pferde leuchteten rote Holzperlen und bimmelten winzige Glöckchen. Mit viel Lärm fuhren die Wagen so lange umeinander, bis sich ein schöner Kreis gebildet hatte. Dann hielten sie auf ein laut gerufenes Kommando ruckartig an. Sofort hüpften kreischende Kinder heraus, und eine summende Geschäftigkeit setzte ein. Frauen mit geblümten Kopftüchern räumten Kisten und Truhen ins Freie und machten Feuer. Männer füllten Eimer mit Brunnenwasser, um die Pferde zu versorgen. Fasziniert beobachteten die Dorfkinder das laute Treiben dieser fremdartigen, gelassenen Menschen, die es gewöhnt waren, bestaunt zu werden.

Mit einem Glas Sauergemüse und einer Flasche ihres besten Eierlikörs machte sich Hille aufgeregt auf den Weg. Sie wollte dem Zigeunerkönig ihre Aufwartung machen. Vorher hatte sie sich das Gesicht gewaschen und eine dünne Schicht Honig auf die Lippen getupft. Mit einem grobzinkigen Kamm war sie sich durch das fettige Haar gefahren, hatte es am Hinterkopf zusammengedreht und festgesteckt. Nun stand sie mit klopfendem Herzen vor dem Wagenkreis.

»Herr König!«, rief sie verschüchtert.

Die Dorfkinder lachten sie aus.

»Verschwindet!«, schrie Hille wütend. Während sie sie fortscheuchte, wurde ihr bewusst, dass es nach Feuer und nach etwas herzhaft Aromatischem duftete, das sie noch nie zuvor gerochen hatte. Neugierig spähte sie durch die Wagen. Ein paar Frauen saßen auf einer mit Kissen übersäten Decke. Sie bestickten Taschentücher und tranken aus blechernen Bechern. Einige stillten leise singend ihre Kinder, sich dabei vor und zurück wiegend. Die Männer hatten es sich auf den Stufen ihrer Wagen bequem gemacht, wo sie lachend Zigarren rauchten. Überall wuselten Kinder herum, entfernten sich aber nie aus dem Wagenkreis.

Hille hielt es nicht länger aus. Vor Neugier brennend, schlüpfte sie durch zwei Wagen hindurch. Schlagartig verstummten alle Gespräche und Gesänge. Die Zigeuner schauten abwartend auf die plumpe Frau in fleckiger Schürze, die verlegen von einem schmutzigen Fuß auf den anderen trat. Ein Glas Gemüse und eine Flasche mit gelber Flüssigkeit hielt sie an den Leib gepresst. Plötzlich forderte sie mit lauter, schriller Stimme: »Bringt mich zu eurem König!«

Eine der Frauen lachte spöttisch auf. Doch dann erhoben sich zwei Männer, um sich höflich vor Hille zu verbeugen. Sie brachten sie zu dem größten und prächtigsten Wagen, der mit roten Rosen bemalt war. Auch in den kunstvoll geschnitzten Fensterfassungen aus Holz fanden sich die Rosen wieder. Die Männer klopften und zogen sich wortlos zurück. Kurz darauf öffnete sich die Tür. Ein dicker kleiner Mann mit einem leuchtend schwarzen Schnurrbart blickte aus riesengroßen dunklen Augen auf Hille hinab. Er trug einen abgewetzten Anzug, darunter ein kariertes Hemd, das über seinem mächtigen Bauch spannte.

Hille hatte in ihrem ganzen Leben noch nie einen so wunderschönen Mann gesehen, und weil ihre Knie gerade so weich waren, machte sie einen ungeschickten Knicks. Der König bat sie mit tiefer Stimme herein. Während ihr noch der fremdartige Klang seiner Worte in den Ohren pulsierte und sie ihm wie geblendet ins Gesicht starrte, kam es ihr vor, als ob seine Augen in göttlichem Glanz leuchten würden und allsehend wären.

Im dämmrigen Innern des Wagens brannten Kerzen. Hille musste blinzeln, doch allmählich erkannte sie neben einem mit Fellen bezogenen Bett eine bunte Madonnenfigur, die sie mit sinnlichem Gesichtsausdruck anblickte. Auf dem Boden lagen seidig schimmernde Teppiche, in denen Hilles Füße versanken. Mit zitternder Hand stellte sie das Sauergemüse und den Eierlikör auf ein glänzend poliertes Tischchen. Ihr Herz raste, ihr Atem ging immer schneller, und sie starrte dem stattlichen Zigeuner ins Gesicht, sie konnte einfach die Augen nicht von ihm lassen. Da griff der König nach Hilles Händen. Mit einer geschmeidigen Bewegung neigte er seinen nach Pomade duftenden Kopf darüber, und bevor er fragen konnte, ob sie eine Schale schwarzen Tee mit ihm trinken wolle, fiel Hille, am ganzen Körper erbebend, in Ohnmacht.

Erst am Abend erfuhr Karl von seinen stundenlang in der Küche eingesperrten Kindern, was in seiner Abwesenheit passiert war. Er wurde blass vor Wut. Hille war noch immer nicht zurückgekehrt. Der Großvater hatte Blähungen und jammerte. Es stank in der kalten Küche, in der kein Abendessen gemacht worden war und die Teller vom Frühstück noch herumstanden. Karl machte auf dem Absatz kehrt. Die Küchentür knirschte gefährlich in den Angeln, als er sie aufstieß und fluchend auf seine Weidewiese lief. Der Himmel leuchtete zartrosa, das Gras war feucht, es war ein schöner Frühlingsabend. Während Karl auf die bunten Wagen zuging, ballte er die rechte Hand zu einer harten Faust. Doch als er Hille am lodernden Feuer inmitten all der dunklen Gestalten sitzen sah, die sie mit unbekannten Speisen fütterten und mit rotem Wein abfüllten, da wagte er nicht mehr, sie zu schlagen. Er wagte auch nicht, die Zigeuner von seinem Grund und Boden zu vertreiben.

»Komm nach Haus«, sagte er zu Hille.

Die Zigeunerblicke stachen wie Wespenstiche auf seiner Haut. Grinsend torkelte Hille auf ihn zu und wäre fast ins Feuer gefallen. Karl packte sie unsanft und zerrte sie hinter sich her über die nasse Wiese bis nach Haus, ohne auf ihr weinseliges Gejammer zu achten oder sich noch einmal umzudrehen. Sonst hätte er noch seine Töchter sehen können, die sich vor Neugierde brennend hinter der Scheune verborgen hatten und nun barfuß zur Wiese liefen.

Wie junge Fohlen sprangen die Mädchen übermütig herum, schüttelten ihre steifen Glieder in alle Richtungen und pumpten sich die Lungen voll mit frischer Abendluft. Erst als sie dem Wagenkreis nahe gekommen waren, hielten sie inne. Es waren nicht so sehr die bunten Holzwagen und die darum grasenden geschmückten Pferde, die sie in den Bann schlugen. Es war etwas Sonderbares, Wundervolles, das den Abend erfüllte und bis in die Baumwipfel drang. Es war der Klang von Musik, der die Mädchen mitten ins Herz traf, und sie wussten nicht mehr, ob sie lachen oder weinen sollten.

Von dieser Stunde an nannten die Kinder die schlichte grüne Weidewiese nur noch Zigeunerwiese, auch wenn in den darauf folgenden Jahren nie wieder ein Zigeuner dort sein Lager aufschlagen sollte.

Am nächsten Morgen spannten sich meterlange Wäscheleinen über die Weide. Laken und Decken schaukelten im Wind, die Zigeunerinnen schüttelten Kissen aus und scheuerten singend ihre Wägen. Auch die Kinder hatten sich aus dem Wagenkreis getraut und tobten kreischend herum. Sie nutzten den Frühjahrsputz ihrer Mütter, um allerlei Unsinn anzustellen. Ein paar der Männer hatten sich zu Fuß ins Nachbardorf aufgemacht, um ihre Arbeitskraft in der Schmiede anzubieten. Auch zu Karl kamen sie aufs Feld hinaus und wollten ihm für geringen Lohn zur Hand gehen. Er wu